Studium & Campusleben

Als Lehrer zurück an die PH – wie wichtig es ist alte Zöpfe abzuschneiden.

Ein Plädoyer für eine veränderte Ausbildung während des Studiums an der PH.

(c) Pixabay

Mein Name ist Tamara Niclaus, ich bin 30 Jahre alt und habe 2016 mein erstes Staatsexamen für die Sek 1 abgelegt. Warum ich das hier jetzt schreibe? Weil ich wieder zurückgekommen bin. Trotz fertiger Ausbildung sitze ich wieder in den Vorlesungen und habe einiges zu bemängeln.

Warum das Ganze? Weil keiner mich vor meinem Studium auf die doch etwas merkwürdige Fächerkombination und die Folgen aufmerksam gemacht hat. Und dieses Problem ist direkt das erste in einem Sammelsurium an Verbesserungsvorschlägen meinerseits. Keine:r sagt einem vorher, welche Auswirkungen die Fächerwahl auf dein späteres berufliches Leben haben wird. Und gerade wegen der Umstellung auf den Bachelor/Master und die Reduzierung von drei auf zwei Fächer, sollten Student:innen darauf aufmerksam gemacht werden, welche Auswirkungen ihre Fächerwahl haben wird.

Werfen wir einen Blick in die Vergangenheit. Durch die Umstellung der Prüfungsordnung 2003 auf 2011 ist die verpflichtende Wahl eines Kernfaches (Mathe, Deutsch, Englisch oder Französisch) weggefallen. In der Studienordnung 2011 wurde die Wahl dieser Fächer um Physik, Chemie, Technik oder Wirtschaft.

Mit der Umstellung auf Bachelor/Master haben Student:innen nun die freie Fächerwahl. Hier kommen nun Fächerkombinationen wie ev. Theologie und Wirtschaft zusammen oder Sport und Geschichte. Meine Empfehlung an alle mit so einer Kombination: Überlege dir den Erweiterungsfachmaster in einem Kernfach zu beginnen. 

Im Jahr 2011 habe ich mit den Fächern Physik, ev. Theologie und Politikwissenschaften gestartet. An der Schule angekommen im Jahr 2017 wurde mir das erste Mal bewusst, was diese Kombination bedeutet. Die Möglichkeit etwas zu ändern? Vorbei!

Unzählige Klassen mit jeweils einer Stunde Pro in der Woche – als Klassenlehrer:in (wenn das überhaupt geht) muss viel fachfremd unterrichtet werden. Nie werde ich den Satz meiner letzten 10. Klasse vergessen: „Frau Niclaus können Sie BK (Bildende Kunst) unterrichten?“

Meine Antwort: „Lass uns nicht von Können reden.“ Mir wurde immer bewusster, welche anstrengenden Jahre vor mir liegen werden.

Der Lehrer:innenmangel miteingeschlossen, bedeutete meine Fächerkombination viele Klassen oder/und viel fachfremd zu unterrichten. Und so ging es, nach drei Jahren im Schuldienst, an die Recherche, welche Möglichkeiten ich habe, um mich weiterzubilden – herausgekommen ist Folgendes: Es gibt einen Erweiterungsfachmaster, den jede Person belegen kann, Studierende und fertig ausgebildete Lehrkräfte. Diese Chance habe ich ergriffen. Auch wenn die Konsequenz ist, dass es zur Doppelbelastung kommt – 50% Schule und gleichzeitig das Studium, halbes Gehalt bei gleichen Ausgaben für beispielsweise die private Krankenversicherung.

Nach fast fünf Jahren Abstinenz und der Veränderung vom Staatsexamen zum Master hatte ich die Hoffnung, in der Ausbildung an der PH hätte sich etwas verändert. Pustekuchen. Immer noch der gleiche alltagsferne Inhalt. Und was mir heute bewusst ist: Die meist falsche Benennung einiger Begrifflichkeiten. So gibt es für die Sek 1 und die Primarstufe kein Referendariat. Dies heißt nur bei der Ausbildung für das Gymnasiallehramt so. Bei uns ist es der Vorbereitungsdienst – wir sind Lehramtsanwärter. Am Seminar in Ludwigsburg stand die Todesstrafe auf die falsche Betitelung. Wie schwer das war, die Bezeichnung aus dem Sprachgebrauch zu löschen, nachdem es jahrelang an der Hochschule so betitelt wurde. Aber gut dies sind lediglich Begrifflichkeiten.

Definitiv von hoher Bedeutung ist der fehlende Praxisbezug. Und nicht nur mir fällt dies auf, sondern auch den meisten neuen Kolleg:innen. Erstmal an der Schule angekommen, sind sie zu Beginn überfordert damit, die gelernte Theorie in die Praxis umzusetzen. So auch Katja Wolf, die im Kinofilm „Zwischen den Stühlen“ mitgewirkt hat. In der Dokumentation werden drei Lehramtsanwärter:innen/Referendar:innen auf ihrem Weg zum 2. Staatsexamen, mit den unterschiedlichen Höhen und Tiefen, begleitet. Sie selbst erkennt, dass die Theorie zwar vorhanden ist, es aber an Handwerkzeug fehlt, diese Theorie in die Praxis umzusetzen. Und dies ist das große Manko an unserer Lehrerausbildung. Liegt das Offensichtliche nicht auf der Hand? Die Kooperation zwischen Studium und Schule sollte verstärkt werden. Die wenigen Praktika sind ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wolf merkt ebenso an, dass das große Problem sei, dass die Theorie der Praxis weit hinterherhängt. Heute fangen die Grundschüler:innen schon an zu pubertieren – Mädchen bekommen bereits in Klasse 4 ihre Periode. Dies war vor 10 Jahren noch ganz anders. Die Begebenheiten in den Schulen haben sich gewandelt. Und was passiert im Studium für das Lehramt? Packt die alten Pädagog:innen von anno dazumal aus und lehrt dies als zeitgemäße und angemessene Pädagogik. Die Theorie hängt der Praxis nach.

Aber nicht nur das Unterrichten und die Pädagogik gehören zum Alltag von Lehrer:innen. Der bürokratische Aufwand ist nicht zu unterschätzen. Wurden Sie in Ihrem Studium bisher darauf vorbereitet? Mein erstes Schuljahr nach dem 2. Staatsexamen verbrachte ich stundenlang am Schreibtisch. Dabei habe ich nicht Unterricht vorbereitet, sondern mich durch den bürokratischen Dschungel des Landes Baden-Württemberg gekämpft. Philipp Frohn schreibt in seinem Bericht in der Frankfurter Allgemeinen, dass ihm konkrete Empfehlungen zum Förderbedarf fehlen. Er hatte mit seinem letzten Praktikum noch keinerlei Vorbereitung auf das Thema Förderbedarf und Inklusion.

Selbstredend ist die Fachwissenschaft in jedem Fach notwendig und wichtig. Dies wird spätestens dann erkannt, wenn fachfremd unterrichtet werden soll. Aber die Fachwissenschaft darf nicht das Vorbereiten auf den Alltag verdrängen.

Wir brauchen nicht darüber sprechen, wie wichtig die Verzahnung von Theorie und Praxis für einen guten Lernerfolg sind. Prof. Dr. Colin Cramer, Lehrstuhl für Professionsforschung unter besonderer Berücksichtigung der Fachdidaktiken an der Uni Tübingen, stellt in ihrem Essay mit dem Titel „Theorie und Praxis in der Lehrerbildung“ die Notwendigkeit des Praxisbezuges dar. Klar herausgehoben wird allerdings auch, dass eine reine Verknüpfung nicht ausreicht. Wichtig ist die Reflexion des Erlebten und Erlernten. Auch hier sind wir uns, denke ich, einig. Aber ohne Praxisbezug kann auch keine Reflexion stattfinden und demnach auch kein Lernzuwachs erzielt werden. Und genau an diesem Punkt sind wir wieder bei der Eingangskritik: Der dauerhaft angelegte Praxisbezug im Studium fehlt.

Was ist meiner Meinung nach also zu tun? An der Hochschule sollte es Seminare zur Bürokratie an den Schulen geben. Ebenso sollte jedes Modul einen Baustein mit wirklichem Praxisbezug haben. Lehramtsstudierende sollten von Beginn an in den Schulen eingesetzt werden und den Alltag miterleben können. Bisher gehen die Student:innen in Kurzzeitpraktika wie das Orientierungs – und Einführungspraktikum, Blockpraktikum und Professionalisierungspraktikum. Zusätzlich gibt es ein Integriertes Semesterpraktikum von 3 Monaten. Dies ist ein Praktikum mehr, als zu Zeiten der PO 2011, dennoch sollten die Student:innen die Möglichkeit haben, in den regelmäßigen Austausch mit Lehrer:innen, Schüler:innen und Lehramtsanwärter:innen kommen zu können. Vielleicht ist es auch erneut sinnvoll, einen Tag in der Woche an einer Schule verbringen zu müssen. Dabei wird hospitiert, unterrichtet, Elterngespräche miterlebt und in das Alltagsleben außerhalb des Unterrichtens eingeführt.

Ich bin dankbar für die Chance den Fehler der Fachwahl nachbessern zu können. Schöner wäre es gewesen, diesen Fehler gar nicht erst gemachen zu haben.

Es muss sich dringend etwas in der Ausbildung der Lehrer:innen während des Studiums ändern, sonst wird der Lehrkräftemangel immer größer.