Studium & Campusleben

"Neue Autorität" an Schulen - Warum die Neue Autorität nicht mehr so neu sein sollte

Es ist Freitag 3. Stunde Mathematik in der 8a. Dir graust es die ganze Woche schon davor, denn die Klasse ist eh schon unausstehlich und in Mathe erst recht.

(c) Rainer Schulz

Schüler A bastelt Papierflieger und wirft ihn durch den Raum, Schülerin B lackiert der halben Klasse die Fingernägel, Schüler:innen beleidigen sich und es fliegen Fäuste. Du stehst als Lehrperson vor der Klasse und weißt gar nicht wo dir der Kopf steht und an welchem Punkt du als erstes ansetzen sollst. An Mathematik ist nicht zu denken.

Am Ende des Artikels wirst du hoffentlich Ideen und Möglichkeiten haben, um in solchen Situationen souverän und entspannt zu reagieren.

Die meisten Ratschläge, die man von anderen in solchen Situationen bekommt, sind: „Da musst du an deiner Autorität arbeiten.“ Oder „Du bist einfach nicht streng genug.“

Aber was ist mit dieser Autorität genau gemeint? Was heißt „ich muss strenger sein“?

Laut Duden ist Autorität wie folgt definiert „auf Leistung oder Tradition beruhender Einfluss einer Person oder Institution und daraus erwachsendes Ansehen.“ Im Alltag wird Autorität häufig damit verwechselt, dass die Schüler:innen Angst vor der Lehrperson haben.

Schauen wir auf die letzten Jahre, erkennen wir, dass sich Gesellschaft und Schule stark verändert haben. Dies hat zur Folge, dass wir ein neues Verständnis von Autorität benötigen. Allein aufgrund einer Rolle – Lehrer:innen, Eltern, Polizist:innen oder auch anderer Erwachsener haben die Schüler:innen nicht mehr die Art von Respekt, den sie noch vor ein paar Jahren hatten. Durch diese Veränderungen haben es Schulen immer schwerer in den Klassen. Es folgt die Konfrontation mit Disziplinschwierigkeiten.

Woran das liegt? Meiner Meinung nach nicht an den Kindern und Jugendlichen im Grundsatz. Im Vergleich zu uns, wachsen sie in einer viel komplizierteren Welt auf. In der Entwicklung immer die richtigen Entscheidungen zu treffen war noch nie leicht, und ist jetzt erst recht in der immer schneller werdenden Gesellschaft zu einem fast unmöglichen Unterfangen geworden. Was sich ändern muss ist, die Lehrer:innenrolle neu zu denken und hierbei auch ein neues Verständnis von Autorität zu bekommen. Weg von Autorität als Angst, hin zu dem was die Neue Autorität und auch die Definition vom Duden beschreibt.

Woher kommt diese Neue Autorität?

Haim Omer ist ein israelischer Psychologe und Autor. In Deutschland ist er für seine Veröffentlichungen im Bereich Erziehung bekannt. Gemeinsam mit Arist von Schlippe (deutscher Psychologe und Psychotherapeut) entwickelte er zunächst ein Konzept für die elterliche Autorität. Das Konzept der Neuen Autorität bezieht sowohl verhaltenstherapeutische Vorgehensweisen, Systematische Therapie und humanistische Psychologie mit ein.

Mit dieser Grundlage entwickelte er die weiterführenden Konzepte für die Schule. Die Grundbausteine bleiben dabei die Gleichen. Hierbei handelt es sich um Haltungen und Handlungsebenen.

1. Präsenz und Nähe

In der Neuen Autorität heißt dies anwesend, respektvoll, wertschätzend und gewaltfrei mit den Schüler:inenn umzugehen. Ich als Erwachsener übernehme die Verantwortung für die Beziehungsqualität. Es wird übermittelt: Ich bin da und ich bleibe da, komme was wolle! Es geht darum den Kindern und Jugendlichen zu vermitteln: Du bist uns wichtig!

2. Selbstkontrolle und Deeskalation

Im Mittelpunkt steht die Handlung der Lehrkraft. Dabei ist die Haltung der Lehrer:innen: Ich kann dich zu nichts zwingen, bleibe aber in deiner Nähe und stelle mich entschieden negativem Verhalten entgegen. Durch Präsenz wächst dabei die Autorität. Diese ist dabei nicht mehr länger vom Gehorsam der Schüler:innen abhängig. Zusätzlich ist es wichtig zu erkennen, dass ich nur mich selbst kontrollieren kann und nicht das Kind. Die Lehrer:in positioniert sich ruhig und sicher.

3. Aufschub und Beharrlichkeit

Statt einer sofortigen Reaktion aus den Emotionen heraus, nimmt man sich die Zeit, um weitere Schritte gründlich zu überlegen. In der Situation können Sätze fallen wie „dein Verhalten ist nicht in Ordnung. Ich werde mich beraten und komme darauf zurück.“ In einer emotionsgeladenen Situation kommt es häufig zu schwerwiegenden Fehlern. Es geht dabei nicht darum den Gegenüber besiegen zu müssen, sondern beharrlich zu sein.

4. Netzwerk, Unterstützer und Helfer

Es ist wichtig, dass nicht Lehrer:innen, Eltern und Erziehungsberechtigte alleine stehen. Durch eine Bündnispartnerschaft kann gemeinsam an einem Strang gezogen werden. Die Kinder und Jugendliche erhalten nicht viele verschiedene Regeln, sondern gemeinsam festgelegte. Dabei ist es wichtig nicht nur negative Situationen miteinander zuteilen, sondern auch bei guten Momenten sich gegenseitig auszutauschen.

5. Transparenz und Öffentlichkeit

Transparenz ist ein wichtiges Gut, damit die Kinder und Jugendlichen sehen, dass die Lehrer:innen handeln. Transparenz gilt sowohl für das Eingestehen von Fehlern, als auch das Beenden der Geheimhaltung im Blick auf negative Verhaltensweisen von Schüler:innen. Dies geschieht durch das Transparentmachen davon, was passiert ist, wie darauf reagiert wird und welche Konsequenzen aus dieser Situation folgen. Dabei werden die Klasse, die Lehrer:innen, Eltern, Schulsozialarbeit und weitere wichtige Bündnispartner informiert. Dies dient dem Schutz der Geschädigten, sowie der allgemeinen Sicherheit. Zusätzlich dient es auch der Prävention.

6. Beziehung und Versöhnung

Die Unterscheidung von Mensch und Tat ist elementar. Das Übermitteln, dass der Gegenüber wichtig ist und akzeptiert wird, aber das was er macht abgelehnt wird ist zentral. Wichtig ist die Geste der Beziehung und Versöhnung genau dann, wenn es schwierig wird. Dann wenn die Erwachsenen protestieren und Widerstand leisten. So kann direkt deeskalierend gehandelt werden.

7. Wiedergutmachung und Widerstand

Widerstand wird von den Lehrer:innen gegenüber dem negativen Verhaltensweisen geleistet. Dieser Widerstand richtet den Blick auf das eigene Handeln und Verhalten. Aus dieser Reflektion folgen sowohl eigene Konsequenzen als auch von der Autoritätsperson auferlegte Konsequenzen. Diese müssen nicht immer mit Strafen einhergehen. Im Mittelpunkt steht in der Neuen Autorität das Lernen. Ziel ist die Verantwortungsübernahme. Die Wiedergutmachung von Fehlern und Schäden führt zu dieser Verantwortungsübernahme.

An der Schule, an der ich unterrichte, wird genau dieses Konzept angewendet. Wir sind eine dieser sogenannten „Brennpunktschulen“ und dank diesem Konzept haben wir selten größere Auseinandersetzungen, kaum Schlägereien und ein positives und gutes Arbeitsklima. Natürlich bedeutet dies, gerade zu Beginn, viel Arbeit. Arbeit an sich selber und auch die Zeit, die investiert werden muss, um ein gutes Klima und das Elternbündnis zu erreichen.

Ich lege es jeder angehenden Lehrkraft ans Herzen sich mit dem Thema der Neuen Autorität und Haim Omer an sich auseinanderzusetzen.