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Es geht bergauf – Eine Wanderung zurück in die Natur

Intensives Naturerleben wiederentdecken. Entspannung und Urlaubsgefühl in den zumeist übersehenen Landschaften unserer Umgebung finden, als ein Weg - nicht nur - aus dem Corona - Alltag.

Circa 1/3 des Weges ist geschafft. Der Gipfel scheint noch weit entfernt zu sein.

Kleines Wiesental vom Gipfel aus. Startpunkt: Neuenweg, der Ort nach der ersten Hügelkuppe

Der Salamander

Der Sonnenaufgang

Gerade zu Corona-Zeiten, wenn der Urlaub nicht im Ausland stattfinden kann, bietet sich die Möglichkeit an, Urlaubsziele in Deutschland zu erkunden und schöne Orte zu entdecken. Ein sehr beliebtes Reiseziel ist der Schwarzwald. Hier gibt es sowohl im Sommer, wie auch im Winter vieles zu sehen. Neben Städten gibt es reichlich Natur, die entdeckt werden kann.

Eines der schönsten Erlebnisse, die ich im Schwarzwald erleben durfte, war eine Wanderung, die ich im Sommer 2020 gemacht habe. Ich war nicht alleine unterwegs, sondern mit Begleitung. Wir hatten uns dazu entschieden den Belchen zu bewandern und freuten uns auf den Sonnenuntergang über den Vogesen, den klaren Sternenhimmel, den es zu bestaunen gilt, denn wir wollten bleiben, bis sich die Sonne wieder von Osten über den Horizont geschoben hat – bis nach dem Sonnenaufgang.

Der Belchen, im Südschwarzwald gelegen, circa 38 km, mit dem Auto, südlich von Freiburg und etwas mehr als 45 km nördlich von Basel, ist mit seinen 1414 Metern über dem Meeresspiegel nicht der höchste aber sicherlich einer der schönsten Berge des Schwarzwaldes. Das Belchen-Gebiet ist eines der größten Naturschutzgebiete des Schwarzwaldes. Dort gibt es viele seltene Tierarten und Pflanzen zu entdecken; aber allein die einzigartige Schönheit der Natur zu erleben war für uns Motivation genug den steilen Pfad zum Belchen-Gipfel zu begehen.

Die Wanderung

Mit guten Wanderschuhen, Isomatte, Schlafsack und natürlich reichlich Proviant wählten wir unseren Startpunkt: Neuenweg, ein kleiner Ort im Kleinen Wiesental. Laut der App Komoot, eine App um Wanderrouten, Radtouren und Laufstrecken zu planen, benötigten wir von dort, für den Aufstieg auf dem Wanderweg, ca. 2 Stunden und 45 Minuten. Ob wir den Weg in dieser Zeitspanne zurücklegen würden, war uns allerdings egal. Der Sonnenuntergang sollte die Krönung einer Wanderung sein, auf der es viele Kleinigkeiten in ihrer Schönheit zu entdecken galt. Eine Biene zu beobachten, wie sie an einer Blüte Nektar saugt, eine außergewöhnliche Maserung eines Steines begutachten, dem Flug eines Vogels zuzuschauen, dem Schrei, dem Gezwitscher oder was auch immer es für ein Vogel war, nachzuhören.

Es war angenehm warm, als wir kurz nach 18:00 Uhr in Neuenweg Richtung Böllener Eck starteten. Ein leichter Wind wehte, der uns vor frühzeitigem Schwitzen bewahrte. Hier war der Weg noch breit, er wurde aber schnell schmaler.  An Weiden und Wiesen vorbei, konnten schon die ersten Eindrücke für eine faszinierende Aussicht gesammelt werden. Am Böllener Eck angelangt konnten wir die Sternschanze und die Quadratschanze, die im 17. Jahrhundert als Befestigungsanlage dienten, begutachten. Deutlich sind die Grundrisse der Anlage zu sehen und es ist kaum vorstellbar, dass sich an diesem so ruhigen Ort einmal Menschen bekriegten.

Nach dem kurzen Ausflug in die Vergangenheit wurden wir auf unserem Weg zum Gipfel reichlich belohnt. Blaue Punkte an kleinen Büschen weckten unsere Aufmerksamkeit. Und dann gab es kein Halten mehr. Sogleich bückten wir uns und pflückten Heidelbeere um Heidelbeere und nicht viel weiter entdeckten wir leckere Himbeeren, die uns mit ihrem unwiderstehlichen Aroma erfrischten. Danach ging es leichteren Fußes nach oben. Was so Beeren alles ausmachen!

Die (versteckte) Natur entdecken

Hier und da stand vereinzelt ein roter Fingerhut, an manchen Stellen ganze Kolonien. An anderer Stelle hörten wir das Gurgeln einer Quelle und die riesigen Fichten, die den Weg säumten, spendeten uns Schatten. Zwischen bemoosten Steinen sprudelte frisches Bergwasser aus der Erde – schön kalt, eine willkommene Erfrischung. Ob wir das Wasser trinken können? Sicher waren wir uns nicht, aber so hoch oben, da kann nicht viel schief gehen! So schön kühl und frisch und weich, ganz anders als das in unseren Flaschen. Dass kein Schild vorhanden war, Trinkwasser oder nicht, hatten wir mit dem ersten Schluck vergessen.

Der Weg schlängelte sich nun in Serpentinen steil und schmal nach oben. Große Ameisenhaufen, die fast einen Meter hoch waren, konnten wir bestaunen und das emsige Treiben der Insekten ließ uns für eine Weile die Zeit vergessen. Aber auch über den Anblick von Rehen konnten wir uns freuen, obwohl sie uns argwöhnisch beäugten, bevor sie sich in langsamem Tempo von uns verabschiedeten. Ebenso ein mächtiger Fuchs, der auf der Lauer nach etwas Fressbarem spähte, uns jedoch bemerkte (dabei waren wir mehr als leise!!!) und mit einem riesigen Satz im Gebüsch verschwand. Die seltene Gämse haben wir leider nicht beobachten können. Um welche zu sehen, hätten wir wohl früh morgens zum Sonnenaufgang auf den Gipfel wandern müssen. Auch Wildschweine konnten wir keine entdecken, worüber ich allerdings auch heute noch sehr froh bin – man weiß ja nie! Ein Auerhuhn hätte ich schon gerne gesehen. Dazu brauche man aber mehr als Glück, hat man mir gesagt. Ja, das Glück hatte ich schon, - dass ich hier sein konnte – was will ich mehr? Und dann: „Hörst Du das Klopfen an den Buchen? Meister Specht gilt es zu suchen!“ Kindheitserinnerungen werden wach. Doch mitnichten, hier klopft Meister Specht an Fichten! Ok! Eine große Dichterin werde ich nie, aber es hat, zumindest was die Baumart betrifft, gepasst. Also gingen wir weiter, begleitet von Schmetterlingen, wie dem Kleinen Fuchs, dem Tagpfauenauge und – das nächste Mal nehme ich ein Bestimmungsbuch für Schmetterlinge mit! Oder „Was zwitschert da?“ Ein Pflanzenbestimmungsbuch wäre auch nicht schlecht. Da gibt es so Vieles was ich nicht kenne, was ich nicht weiß und ich möchte doch „die Dinge“ beim Namen nennen! Wenn ich den Namen kenne, dann kann ich zumindest das Lebewesen benennen, auch wenn ich nichts oder nicht viel darüber weiß. Hat das etwas mit Respekt zu tun? Hallo Meister Specht, schön Sie zu sehen! Guten Tag, Kleiner Fuchs! .... Zur Erfrischung schoben wir uns immer wieder Sauerklee in den Mund. Und dann plötzlich: „Halt pass auf! – Uff, beinahe wärst du draufgetreten!“ Ich – gedankenverloren – schaute vor mir auf den Weg und sah wie sich ein Feuersalamander unter Zweigen hervorwagte und sich langsam auf einen Stein in Pose für ein Foto setzte – Extra für uns!

Dann war es wirklich Zeit für eine Rast. Wir hatten eine Kuhweide durchquert, uns an einen großen Felsen gelehnt und unsere Brote, wie auch den schönen Ausblick über das kleine Wiesental hinweg genossen, während Ziegen um uns herum grasten. Wir, die Ziegen - sonst nichts. Nicht einmal ein Flugzeug am Himmel. Und so holte uns der Gedanke an Corona hier ein – Kein Flugverkehr.

Die letzte Etappe verlief dann doch nachdenklicher und so kamen wir vor Sonnenuntergang auf dem Gipfel des Belchens an. Vor uns lag die Welt! Richtung Nord-Osten kann der Feldberg gesehen werden, Richtung Nord-Westen liegt das Rheintal mit den Städten Staufen und Freiburg und Richtung Süden können, besonders im Herbst und Frühjahr, die Alpen bestaunt werden. Wir standen ganz oben auf dem Gipfel, haben alles unter uns gelassen, genossen die Weite, das Grenzenlose – und fühlten uns frei. Nur dieser Augenblick war gültig! Vor uns die Sonne über den Vogesen, wie sie immer tiefer sank – schneller als wir uns vorstellen konnten – in gelb, orange, rot und dieser Hauch von violett. Verging die Zeit so schnell? Dann die ersten Sterne, Sternengebilde, Sternbilder: Cassiopeia, den Großen und Kleinen Wagen kenne ich. Dann ist das der Polarstern. So klein? Dort ist Norden. Und daran haben sich ganze Generationen von Seefahrern orientiert?

Der magische Belchen

Wir spürten, wir sind an einem besonderen Ort. Uns wurde erzählt, dass der Belchen Teil einer magischen Vergangenheit sei, dass er mit fünf anderen Bergen, die alle den Namen Belchen tragen, eine riesige Sonnenuhr bilden würde. Laut dem Schweizer Rundfunk haben die Kelten dies als System genutzt, um Raum und Zeit zu messen.  Der zentrale Beobachtungspunkt dieser Sonnenuhr ist der Elsässer Belchen (Ballon d’Alsace). Die Sonnenaufgänge hinter den anderen Belchen markieren den kürzesten Tag (Schweizer Belchen, Belchenflue), den Beginn von Frühling und Herbst (Badischer Belchen, Schwarzwälder Belchen), Anfang Mai und Anfang August (Grand Ballon, große Belchen) und den längsten Tag (Petit Ballon, kleine Belchen). Der Ballon d’Alsace, der Badische Belchen und der Schweizer Belchen bilden ein ‚magisches Dreieck‘, mit dem Seitenverhältnis 3:4:5.

Zwischen dem Petit Ballon und dem Schweizer Belchen liegen historische Siedlungen, in regelmäßiger Anordnung. Diese werden durch eine Straße verbunden, die von den Kelten erbaut wurde. Über diesen Vortrag komme ich ins Grübeln. Was mögen Kelten gefühlt oder gespürt haben, als sie sich vor all dieser Zeit hier aufgehalten haben?

Wir lagen da in unseren Schlafsäcken, über uns ein Sternenhimmel, den es in den Städten nicht mehr gibt. Das Universum zum Greifen nahe. Ist das noch das Leuchten der Sterne, das die Kelten schon gesehen haben?

Ein Satellit zog seine schnurgerade Bahn von West nach Ost, eine anderer von Süd nach Nord.

Der nächste Morgen war atemberaubend. Die Sonne kitzelte unsere Nasenspitzen und wir wurden wach, als sie gerade über den Horizont schaute. Wir waren nicht die einzigen, die auf dem Belchen-Gipfel übernachtet hatten, doch es war eine angenehme Ruhe, die uns umgab. Ein Handzeichen als Gruß reichte aus. Gebannt sahen wir uns den Sonnenaufgang an – definitiv der schönste, den ich je gesehen habe. Wir hatten es nicht eilig mit dem Abstieg und so genossen wir noch eine Weile die Natur und den Ausblick, bevor wir wieder in die Wirklichkeit des Alltags eintauchten.

Rückblick und Naturerleben

Noch heute klingt diese Wanderung in mir nach. Immer wieder tauchen die Bilder des beeindruckenden Panoramas in mir auf und mit ihm spüre ich das unbeschreibliche Gefühl, das ich bei diesem Anblick hatte. Diese Wanderung hat mir vor Augen geführt, dass wir, um neue und schöne Dinge sehen zu können, nicht nach Norwegen, Italien, USA, Australien oder in eine noch so entlegene Ecke der Welt reisen müssen. Wir haben sie direkt vor unserer Haustüre oder der Umgebung. All die kleinen schönen „Dinge“ am Wegesrand, die wir bewundern konnten oder ein vorbeisegelnder Milan auf Augenhöhe, haben mir bewusst gemacht, dass die Natur uns, nicht nur zu Zeiten von Corona, so viele schöne kleine positive Erlebnisse geben kann.

Für ein intensives Naturerlebnis muss man nicht zum Belchen fahren. Natur gibt es nicht nur im Schwarzwald, auch in Brandenburg, bspw. der Spreewald oder der Harz, der die Bundesländer Sachsen-Anhalt, Thüringen und Niedersachsen miteinander verbindet und der Naturpark Hohes Venn-Eifel in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz bieten die Möglichkeit, die Natur zu entdecken und zu genießen. Egal in welchem Winkel Deutschlands, unsere Natur ist im Großen wie im Kleinen so vielfältig, dass wir gar nicht weit fahren müssen, um Berge, Wälder, Wasserfälle, Moore oder Strände zu sehen.

Gerade in einer Zeit wie der heutigen, ist es da nicht wichtig sich auf kleine positive Erlebnisse zu konzentrieren? Sich wieder bewusstzumachen, dass das Schöne auch im eigenen Umfeld wiederzufinden und erhaltenswert ist?