Rund ums Studium

I'm a legal Alien

Stings Textzeile sei ihm durch den Kopf geschossen, kaum, dass er den Seminarraum betreten habe, erzählt Chris, und dass er sich anders gefühlt habe, ganz spontan, anders als alle anderen im Raum. Es sei ihm sofort offensichtlich gewesen, obwohl ihn und die anderen ja das Interesse an der deutschen Sprache vereine.

Chris (vollständiger Name der Redaktion bekannt) und ich haben uns getroffen, um seine ersten Wochen an der PH Ludwigsburg zu resümieren. Wir sitzen vor seinem Wohnmobil, das er in der Nähe der Hochschule geparkt hat. Es ist Sonntag, die Sonne scheint durch die Bäume, die Vögel zwitschern, im Hintergrund tönen die Bahnhofsansagen und ab und zu fährt eine S-Bahn vorbei.

Auch er, sagt er, habe, ebenso wie alle (mutmaßlich), ein deutsches Abitur gemacht und sei im Lehramtsstudium. Er unterscheide sich nicht in der Hautfarbe, und auch seine norddeutsche Herkunft oder etwaige körperliche Gebrechen seien ihm nicht direkt anzusehen. Und dennoch: dieses Anderssein stäche ins Auge: er ist alt.

Naja, älter zumindest. Und nicht, dass er sich so fühle - sein letzter Marathon sei erst ein paar Monate her - aber dennoch: er sei in etwa dreimal so alt wie die Jüngsten im Raum und selbst die Älteren seien geschätzt im Alter des jüngsten seiner vier Kinder.


Wer bin ich hier, was mach ich hier und wofür?

„Virginia Jetzt!“ brächten mit dieser Refrainzeile den zweiten Gedanken auf den Punkt, der ihm spontan gekommen sei, erzählt Chris und schenkt Kaffee nach. Der Käsekuchen „vom Wochenmarkt gestern in Marbach” schmeckt auch heute noch. Dabei habe er ja gewusst, wer er sei und was er hier mache. Gefühlt habe für ihn aber unausgesprochen die umformulierte Frage: „Was macht er hier und wofür?“ im Raum gestanden.

Formal sei das, was ihn hierhergetrieben habe, ein Nachstudium zwecks Anerkennung seines ausländischen Lehrerdiploms. Sprich, dem Regierungspräsidium (RP) in Tübingen genügte sein schwedisches Lehrerexamen und die dortige Anerkennung als Lehrer für Musik, Deutsch und Schwedisch als Zweitsprache nicht, um ihn in Deutschland als Schulleiter anzuerkennen. Stattdessen sei ihm die Auflage erteilt worden, 9,5 ECTS in Deutschland nachzustudieren, ironischerweise in Deutsch, seiner Muttersprache.

Dabei habe er noch Glück: andere Anerkennungsbescheide könnten laut Studienberatung auch schon mal 60 oder 90 ECTS fordern. Und doppeltes Glück: die PH in Ludwigsburg gäbe ihm die Möglichkeit des Kontaktstudiums, er studiere nur das, was gefordert sei. Und: sie habe keine Altersgrenze…

„Kein Witz“, schnaubt er: An der anderen PH, an der er sich beworben hatte, habe die Altersskala der Onlinebewerbung vor seinem Geburtsjahr geendet! Abgesehen davon, dass er als Erstsemester eine Verpflichtung zum Vollzeitpräsenzstudium gehabt hätte. Erstsemester? Er?

Zur Einschätzung seiner Empörung gibt Chris einen kurzen Abriss seiner Vita und es klingt deutlich eine Spur von Stolz durch: zwischen 1986 und 1995 habe er einen pädagogischen Abschluss und drei künstlerische Aufbau-Studien (heute Masterstudien) absolviert, inklusive Konzertsolistendiplom. Von 1993 bis 2013 sei er dann Teilzeitprofessor in der Musiklehrerausbildung gewesen.

Das Phänomen der Nichtanerkennung von Studienabschlüssen und des Nachstudieren-Müssens sei ihm allerdings nicht ganz neu, sondern ein klarer Fall von:


Déjà vu

Damals, vor zehn Jahren, in Schweden, habe es ihn ziemlich unerwartet getroffen, berichtet er, als dort die Verpflichtung zur Lehrerlegitimation für eine Festanstellung auch auf Lehrkräfte der Musik- und Kulturschulen ausgeweitet wurde. Selbstverständlich sei er davon ausgegangen, dass seine deutschen Diplome als gleichwertige Berufsausbildung staatlich anerkannt würden. Es habe ihn auch insofern unerwartet getroffen, als er schon einige Jahre dort gelebt und unterrichtet und berufsbegleitend 60 ECTS Schulmusik in Schweden nachstudiert gehabt habe.

Doch, „weit gefehlt. Dem war nicht so!”, betont er. Stattdessen habe er die Auflage bekommen, (berufsbegleitend) den gesamten theoretischen und pädagogischen Teil des Lehramtsstudiums (90 ECTS) nachzustudieren - und damit aber auch die Chance erhalten, gleich zwei weitere Fächer auf Lehramt, nämlich Schwedisch und Deutsch, mit zusammen über 100 ECTS dazuzubekommen.

In diesen neuen Fächern bzw. Berufen habe er sich dann auch zunehmend betätigt, je nach Studienfortgang, zunächst als Schulmusiker, dann als Deutschlehrer in der schwedischen Mittelstufe, als Leiter von Integrations- und berufsbezogenen Sprachkursen in Schwedisch bzw. seit 2020 in Deutsch sowie seit einem Jahr als Lehrer in so unterschiedlichen Klassen wie Fachpraktiker für Bürokommunikation und Krankenpflegehilfe an einer Sonderberufs- und Krankenpflegeschule.
 

Zurück in die Zukunft

Nun habe er also die erneute Auflage nachzustudieren und sich als Deutschlehrer (und Schulleiter) zu qualifizieren. Für ihn sei es, wie gesagt, ein bekanntes Phänomen, ein Schritt zurück in die (Studien-) Vergangenheit als Investition für die Zukunft. Dank Kontaktstudium könne er in Absprache mit dem RP die notwendigen Punkte mit den vorgeschriebenen Inhalten sammeln, und gleichzeitig die zweite Auflage erfüllen und parallel dazu weiterhin als Deutschlehrer tätig sein.

Er sei sich nicht sicher, schließt Chris ab, ob seine Kommiliton*innen von der Möglichkeit zum Kontaktstudium an der PH Ludwigsburg wüssten und ob ihnen vielleicht schon unbewusst andere Mitstudierende im Anerkennungsstudium begegnet seien. Andere, die auch auf irgendeine Weise anders seien, älter oder mit anderem Aussehen, vielleicht mit ausländischem Akzent sowie ebenjenem Gefühl des Andersseins und der unausgesprochenen Frage nach dem „Was macht der hier und wofür“?   

Die Sonne ist mittlerweile hinter dem Bahndamm untergegangen, es wird Zeit aufzubrechen. Chris klappt Campingtisch und -stühle zusammen und verstaut sie in der Heckgarage des Wohnmobils. Er habe, sagt Chris dann noch zum Abschied, seine Geschichte und seine Gedanken mit den Leser*innen teilen wollen, um sie vorzubereiten für etwaige zukünftige Begegnungen mit diesen anderen

Englishmen in New York“ (oder Ludwigsburg oder sonst wo)

 

Zusätzliche Informationen über die Anerkennung ausländischer Studienleistungen gibt es hier und
Informationen zu weiteren Kontaktstudienangebote gibt es hier