Digitale Welt

Smartphone oder Dumbphone?

Smartphones machen dick und süchtig, dumm und manipulierbar. Der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer warnt vor den Risiken und Nebenwirkungen der Digitalisierung.

Klett-Cotta Verlag

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Die Mehrheit der Deutschen kennt es. Der Griff geht zum Handy, der Blick aufs Display: kein Anruf, keine Nachricht. Dabei könnte man schwören, es hätte eben vibriert. Phantom-Vibration nennt man dieses Phänomen. Eine Halluzination, die auf übermäßigen Gebrauch hinweist.

Manfred Spitzer behandelt in seinem neuen Buch „Die Smartphone Epidemie“ besonders die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen, die nach einschlägigen Studien bei 71,5 Stunden pro Woche liegt, davon 41 Stunden am Smartphone.

Hierin sieht Spitzer eine große Gefahr und steigt nach seinen Bestsellern Digitale Demenz und Cyberkrank erneut in den Ring. Der renommierte Digitalisierungskritiker will aufklären, auf Risiken und Nebenwirkungen hinweisen, nicht verteufeln, aber offenlegen.

DSDS 2.0 - dick, süchtig, depressiv, schwachsichtig

Und der Ulmer Professor legt los wie die Feuerwehr. Mit einem Schuss Polemik, aber dennoch an der Sache orientiert, weist er auf gravierende Entwicklungen hin: Von Übergewicht und Fettleibigkeit wegen ausbleibender Bewegung über extreme Smartphone-Sucht und steigender Depressivität bis hin zu 96% Kurzsichtigkeit bei Rekruten der südkoreanischen Armee. Die Liste der Nebenwirkungen unseres stetigen Begleiters ist lang.

Digitale Bildungsdystopie

Das Buch ist allen gewidmet, die Verantwortung für Kinder und Jugendliche tragen, die laut Spitzer in langsamen und vorsichtigen Schritten an digitale Medien herangeführt werden müssen - mit allen Risiken im Hinterkopf, die oft nicht gesehen werden wollen. Studien über massive Beeinträchtigung des Denkvermögens durch digitale Medien untermauern seine Warnung. Und will man auf das oft gelobte Bildungsvorzeigeland Skandinavien verweisen, so stellt er fest, dass verminderte Schulleistungen und Digitalisierung dort miteinander korrelieren. Vor allem die Schwächsten leiden dabei.

Schlussakkorde…

Gegen Ende wird dann nochmal ausgeholt: Selbst die Demokratie sei in Gefahr. Wahlmanipulation, Algorithmen und Fakenews sind die Stichwörter. Auch wenn die empirische Unterfütterung hier ein wenig mau ausfällt, sind die Ausführungen zumindest bedenkenswert.

…ohne Finish

Ein eigenes Schlusswort wird bei alledem schmerzlich vermisst. Klar, es geht um Aufklärung, nicht um Welterklärung. Dennoch wünscht man sich ein wenig mehr als eine Aneinanderreihung an alarmierenden Fakten.

Hier liegt das größte Manko des Buches. Spitzer käme viel besser an, würde er selbst die Richtung weisen und nicht nur Sackgassenschilder aufstellen. So wirkt er auf viele wie ein Spielverderber. Das Vakuum, wie ein verantwortungsbewusster Umgang persönlich und gesellschaftlich aussehen könnte, bleibt unbefüllt.

Und trotzdem: In vielem argumentiert Spitzer messerscharf - deshalb tut’s auch manchmal weh. Beim Thema Digitalisierung scheint nicht die Formel „erst denken, dann machen“, sondern „digitaler = besser“ zu gelten.

Wohin uns das führt? Hoffentlich nicht auf den von Manfred Spitzer prophezeiten Pfad.

Manfred Spitzer (2019): Die Smartphone-Epidemie. Gefahren für Gesundheit, Bildung und Gesellschaft. Stuttgart: Klett-Cotta. ISBN: 9783608985603. Taschenbuch: 10€