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Entschuldigen Sie, könnte ich mit Ihnen über mein Orgasmus-Problem reden?

Wie die Netflix Serie „Sex Education“ den deutschen Aufklärungsunterricht ziemlich alt dastehen lässt.

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Die britische Comedyserie „Sex Education“ von Jon Jennings hat weltweit und auch in Deutschland viel Aufmerksamkeit erhalten. Da verwundert es nicht, dass auch die dritte Staffel 2021 sehr erfolgreich ist. Die Geschichte über die Schüler:innen der „Moordale“ Schule, die in einer englischen Kleinstadt spielt, wirkt auf den ersten Blick sehr amüsant und unterhaltsam. Doch so humorvoll die Geschichte auch ist, offenbart sie eine große Problematik im realen schulischen Alltag. Die Themen Sexualität, Beziehungen und Gefühle stehen in der Serie im Mittelpunkt, im deutschen Aufklärungsunterricht aber leider nicht.


Der Protagonist von „Sex Education“, Otis Milburn ist inmitten einer sehr verrückten Zeit: der Pubertät. Eine komische und aufregende Phase mit vielen Fragen und neuen Entdeckungen. Das Besondere an Otis Leben ist seine eigene Mutter Jean, die als Sexualtherapeutin arbeitet. Dadurch rückt die moderne sexuelle Vielfalt und Liebe öfters in den Mittelpunkt von Otis Leben. Auch seine Umgebung strotzt vor vielschichtigen Persönlichkeiten und modernen Lebensweisen. Beispielsweise ist seine Mutter alleinerziehend und sein bester Freund Eric Effoing homosexuell.

Diese Vielfalt sieht Otis aber in seiner Schule nicht. Er wirkt aufgeklärter als alle anderen Personen. Als ihm ein Mitschüler Geld anbietet, um bei ihm eine Therapiestunde über Sex zu halten, wittert die Mitschülerin Maeve Wiley eine Geschäftsidee. Otis, der etwas Erfahrung durch die Arbeit seiner Mutter bekommen hat, kann den verwirrten Jugendlichen bei jeglichen Sex- und Liebesfragen helfen. So unfreiwillig diese Idee auch entstanden ist, zeigt sich nach einiger Zeit, wie gut Otis darin ist, Menschen zu helfen und wie viele Jugendliche an der „Moordale“ unsicher sind, wenn es um Sexualität und Beziehungen geht. Otis, Maeve und Eric stürzen sich so in skurrile Geschichten und entdecken wie anspruchsvoll ihre Mitschüler;innen, mit ihren Leidenschaften und Liebesgeschichten sind.


Das macht die Serie so aufregend und sehenswert. Jede:r Schüler:in steht für einen Punkt in der facettenreichen Welt der Liebe. Adam z.B. tritt am Anfang als heterosexueller Schläger in der Serie auf. Doch nach einer gewissen Zeit entdeckt er, dass er Gefühle für Eric entwickelt. In seinem konservativen Umfeld, fällt es ihm aber lange schwer sich zu outen. Eric hat diesen Schritt schon vor langer Zeit getan, muss sich aber mit seinem konservativen Vater auseinandersetzen, der nichts über die Vorlieben von seinem Sohn weiß.

 
Ein anderes Beispiel ist Aimee, die in einem Bus sexuelle belästigt wird und seitdem Angst hat, wieder mit dem Bus zu fahren. Sie sucht den Fehler bei sich und der Vorfall belastet ihre Beziehung. Sie findet erst ihre innere Ruhe wieder, nachdem sie mit Jean offen darüber redet. Auch ist da Jackson, der Hochleistungssportler und beliebte Schulsprecher. Er wird durch die Schule und das Elternhaus so sehr unter Druck gesetzt, dass er nicht zu einer glücklichen Beziehung kommt. Die ersten richtigen Gefühle entwickelt er für eine Person, die queer ist. Und das muss auch erst gelernt sein.
Jean verkörpert Themen wie Schwangerschaft im hohen Alter und die Herausforderungen einer alleinerziehenden Mutter. Selbst die Lehrer*innen an der „Moordale“ haben Bedürfnisse und Probleme und suchen die Hilfe von Otis auf.
„Sex Education“ findet den perfekten Mittelweg, um diese vielen Themen durch die Figuren anzusprechen. Die Geschichten werden aber nie ins  Lächerliche gezogen. Auch wenn Fragen wie „Wieso schaff ich es nicht meine Freundin zum Orgasmus zu bringen?“, „Wie sag ich ihm, dass ich keinen Analsex haben möchte?“ oder „Ist mein Penis zu klein?“ auf manche Zuschauer:innen etwas befremdlich wirken, sind es Fragen und Probleme, die Jugendliche in der Pubertät eben beschäftigen. Und so bunt die Geschichten der einzelnen Figuren sind, etwas haben sie alle gemeinsam: die Schule hilft ihnen dabei nicht.


Dieser Punkt lässt sich gut in die Realität übertragen. Sexualkunde in Deutschland geht kaum in die Tiefe und spricht das Thema Sexualität nur oberflächlich an. Zwar existiert viel Material für einen ausgewogenen Aufklärungsunterricht, doch meistens fehlt die Zeit, um wichtige Punkte zu besprechen. Dabei sollte gerade die Schule als Bildungsinstitution eine so wichtige Rolle für die Schüler*innen einnehmen.
Der Aufklärungsunterricht könnte so viel mehr sein und weitaus tiefgründiger in die Materie gehen. Sexuelle Vielfalt, Umgang mit sexueller Belästigung, moderne Familienbilder oder vielschichtige Beziehungen. Solche Themen könnten neutral im Unterricht behandelt werden. Lehrer:innen dürfen als Ansprechpartner dienen und den Schüler:innen Beratung und Sichtweisen über Sexualität, Liebe und Beziehungen darbieten. Im besten Fall schaffen Lehrpersonen und Lernende eine Atmosphäre, in der auch private Angelegenheiten ansprechbar sind. Schüler:innen sollten sich in der Schule so sicher fühlen, um ihre Fragen stellen zu können.


In einer perfekten Welt würde durch einen offenen Umgang mit Sex, Partnerschaft und Emotionen in der Schule, die Homophobie und sexuelle Belästigung in der Gesellschaft sinken, die Unsicherheit bei jungen Menschen verschwinden, Schüler:innen wüssten von ihren Vorlieben und würden merken, wie wichtig Kommunikation ist. Logischerweise können Lehrkräfte diese Aufgabe nicht allein meistern, aber aktuell tuen sie dafür auch nichts. Wenn aber Schüler;innen bessere Aufklärung durch eine Serie bekommen, steht der Aufklärungunterricht sehr alt da. „Sex Education“ hält dem deutschen Aufklärungsunterricht einen Spiegel vor und verdeutlicht, wo die Probleme sind und was alles möglich wäre. Wer die Serie anschaut, wird schnell merken wie machtlos und ungenügend die „Moordale“ Schule ist. Dass ein Jugendlicher den Teenagern besser hilft, als die eigene Lehranstalt verstärkt diesen Gedanken. Dass sich diese Tatsache so gut in die Realität übertragen lässt, zeigt, dass „Sex Education“ nicht nur eine Comedyserie ist, sondern auch eine wunderbare Satire.