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"Am Mittwoch kann ich leider nicht" - von der leidigen Sache mit den Gruppenarbeiten

„Am Mittwoch kann ich leider nicht, aber ihr kriegt das sicher auch ohne mich hin, hihi“. Ja, Detlef, das tun wir. Aber ist das auch Sinn der Sache?

Es ist eine Studentin zu sehen, die gerade an einem Online-Meeting teilnimmt.

Gruppenarbeiten sind nach wie vor ein fester Bestandteil der Seminargestaltung an Hochschulen. Besonders in den Homeschooling-Semestern schien diese Methode mit besonders großem Interesse genutzt worden zu sein. Sei es aufgrund didaktisch wertvoller Überlegungen zur Schulung der Sozialkompetenz, aufgrund der zahlreichen Vorteile, die eine Gruppenarbeit für das Endergebnis vermuten lässt, und/oder aus dem vorgeschobenen Lieblingsgrund, die Student*innen müssten sich doch trotz dieser furchtbar langen Zeit der physischen Corona-Zwangstrennung endlich mal richtig kennenlernen. 
Aber nicht in so lächerlichen Zweier-Gruppen, bei denen man viel zu schnell auf einen Nenner kommen könnte. Wenn, dann sollen es schon mindestens fünf Köche sein, die den Brei verderben.

Das Arbeiten in Lerngruppen kann einige Vorteile bieten. Richtig gelesen: KANN. Was sich im ersten Moment nach Arbeitserleichterung, Steigerung der Kreativität und kommunikativem Austausch anhört, entpuppt sich in der Durchführung für viele Studierende nicht selten als Zementklotz am Bein. 
Dieser kommt vor allem durch eine ungünstige Mischung verschiedener Charaktere, Lernstandvoraussetzungen und grundsätzlichen Arbeitsmoralen zustande. Trifft Perfektionismus auf ‚Mir-Wurst-Philosophie‘, wird es schwierig. 

Dabei sind die verschiedenen Möglichkeiten, sich der Verantwortung des gemeinschaftlichen Tuns zu entziehen, äußerst facettenreich.
Die Bandbreite der Ausreden, seine Gehirnzellen bloß nicht überzustrapazieren, reichen von kaputtem Audiogerät oder Unterleibsschmerzen über Beziehungskrise und Frisörtermin bis hin zu Hamster frisst Laptop. Aber wenigstens machen sich die Betreffenden noch die Arbeit, sich eine Ausrede einfallen zu lassen. Der Höhepunkt der Dreistigkeit ist erreicht, wenn der Gruppe lächelnd in die Kamera gesagt wird, dass man sein ganzes Studium schon nichts gemacht habe und deshalb auch diesmal gern darauf verzichten würde. „Die Marie kennt mich schon, die weiß, wie ich bin.“ Okay, Detlef. Wäre auch ein Jammer, wenn diese Erfolgsserie kurz vor Beendigung deines Studiums einen Abbruch erleiden müsste.
Viel unauffälliger, aber nicht weniger dreist hingegen sind die Sorte Gruppenmitglieder, die sich wie kleine Mäuschen in die hinterste schwarze Kachel ihres Endgerätes verkriechen und selbst nach mehrmaligem Ansprechen höchstens ‚Piep‘ sagen. Da kann man ihnen einen ganzen Laib Gouda vorlegen und sie kommen nicht aus ihren Löchern des Schweigens. Noch da? „Ja, bin da, aber höre lieber zu.“ Na gut. Dann hältst du den Laden schon mal nicht auf. 

Aber kein Problem, die Gruppe ist ja groß genug. Da finden sich doch noch ein paar kooperative Sozialwesen? Vielleicht die recht engagiert wirkende selbstbewusste Mitstudentin, die sich immer so eloquent ausdrückt? Ja, vielleicht. Aber Achtung: Bloß nicht zu überzeugt eine andere Meinung vertreten! Auch Vorschläge oder tatsächliche fachliche Fehler nur vorsichtig ansprechen – sonst kann es passieren, dass sie vor lauter Gruppenarbeit ihr eigenes Ding nicht mehr durchziehen kann. Oder dass sie womöglich noch zugeben muss, dass auch andere, völlig unterbelichtete Mitstudent*innen mal gute Ideen haben. Sowieso ist der Arbeitsauftrag doch „total bescheuert“. Entschuldigung. Also hier besser nicht in die Quere kommen.
Wer bleibt denn jetzt noch, zum so richtig schön qualitativ hochwertig Gruppenarbeiten? Da war doch noch…? Hoppla. +49 17683****** hat die Gruppe verlassen. Im Seminarverzeichnis? Nicht mehr zu finden. Weg. Zum Glück war das keine Zweier-Gruppe.

Was nun? Vielleicht erst einmal tief durchatmen, den Ärger mit Kaffee runterspülen und hoffen, dass das im Präsenz-Semester alles anders wird. Weil man sich da anders begegnen kann – und anders begegnen muss. Weniger Versteck-, Ignoranz- und Fluchtpotenzial. 
Oder die Sache einfach mal etwas entspannter angehen. Hierzu vielleicht einen Tipp bei Detlef einholen.
Vielleicht setzt sich aber irgendwann auch der Gedanke durch, dass eine Gruppenarbeit allein der Gruppenarbeit willen nicht immer nur Vorteile mit sich bringt und die gute alte Einzelarbeit in manchen Fällen pädagogisch gar nicht so wertlos ist. Vermutlich ist das, wie immer, eine Frage der Zielsetzung.

Was aber bleibt zu sagen? An alle dauerentspannten Detlefs, piepsenden Mäuschen, eloquenten Blender*innen und alle, die das sinkende Schiff ohne ein Abschiedswort verlassen: Ohne euch gäbe es diesen Text nicht. Aber die nächste Gruppenarbeit kriegen wir wirklich auch ohne euch hin, hihi.