AUFREGER!

Ohne meinen Partner wäre ich obdachlos: Der Streit mit dem BAföG-Amt!

50 Jahre BAföG und definitiv kein Grund zu feiern. Im folgenden Artikel erfahrt ihr, wieso das BAföG-Amt mit so viel Frust verbunden ist.

Der Höchstsatz des elternunabhängigen BAföG’s liegt momentan bei 861 Euro im Monat. So viel kostet ungefähr eine 2-Zimmer Wohnung, in Stuttgart, warm. Wenn überhaupt. Ziehen wir dann noch die Krankenversicherung ab, da wir nicht mehr unter 25 sind und Kindergeld gibt’s sowieso nicht, weil das an meine Eltern gehen müsste. Ich wohne selbstverständlich nicht mehr bei ihnen. Würde ich die knappen 200 Euro Kindergeld nämlich bekommen, würde mir das BAföG-Amt, das von meiner Auszahlung, wieder abziehen. Elternunabhängiges BAföG bekommt man tatsächlich auch nur, wenn man bereits eine Berufsausbildung abgeschlossen und drei Jahre danach noch geackert hat und selbstverständlich unter 30 Jahre alt ist. Also möglichst nach dem Abitur keine Weltreise starten. Das BAföG-Amt steht nämlich schon mit ihrem Taschenrechner bereit. Die anderen, die direkt nach dem Abitur wissen, dass sie studieren wollen, sollten sich bei einem eventuellen Wechsel nicht allzu lange Zeit lassen. Ein Fachwechsel muss gut überlegt sein und spätestens zum 2. Fachsemester geschehen, denn sonst wird es kritisch beim Amt. Doch genau diese werden den Höchstsatz vermutlich auch nur vom Weiten betrachten. Denn den bekommt man sehr selten zu sehen.

Nehmen wir mal an ich sei eine gute Schülerin gewesen und habe schon immer das Abitur mit anschließendem Studium angestrebt. Meine Mutter ist alleinerziehend und mit drei Kindern, stets am Arbeiten, um uns das Beste zu bieten. Natürlich hat meine Mutter nicht studiert, sondern arbeitet als Krankenschwester in einer Klinik. Nachtschichten sind hier an der Tagesordnung, denn die werfen gutes Geld ab. Mein Vater ist verbeamtet und arbeitet als Justizvollzugsbeamter beim Gericht. Er hat ebenfalls nicht studiert. Der höchste Bildungsabschluss meiner Eltern ist somit die Realschule mit anschließender Berufsausbildung. Kaum zu glauben, dass ich es überhaupt geschafft habe, bis zum Studium zu kommen. Nun aber die nächste Hürde, kommen wir zum spannenden Teil: Dem BAföG-Antrag. Ich werde die Spannung hier direkt wieder rausnehmen, denn ich glaube die meisten wissen was jetzt folgt; Ich werde einen mickrigen, fast schon lächerlichen Auszahlungsbetrag erhalten, über den wir nicht einmal reden müssen. Doch schauen wir uns das elternabhängige BAföG mal genauer an. Laut Finanzcheck dürfen Studierende nicht mehr als 8.200 Euro gespart oder als sonstiges Vermögen vermerkt haben. Sonst muss dies, vor Verschuldung beim Staat, erst einmal verbraucht werden. Minijobs bis zu 450 Euro im Monat sind erlaubt, somit sind das 5.400 Euro im Jahr zusätzlich. Klingt erstmal viel, allerdings jeder der sich in dieser Situation befindet, weiß vermutlich, wie man jeden Euro umdrehen muss, um sich ein fast spartanisches Leben leisten zu können. Nachdem wir die eigenen Einkünfte geprüft haben, geht es an das Einkommen der Eltern. Das Einkommen der Eltern von vor zwei Jahren! Ich stelle mir das teilweise ein bisschen problematisch vor, wenn beispielsweiße die Eltern selbstständig sind und sich die Jahre im Umsatz sehr unterscheiden wegen der schwankenden Wirtschaft und der steigenden Inflation.

Laut Finanztip muss man „mit den ersten Einbußen beim Bafög rechnen (Beides Arbeitnehmer und keine weiteren Kinder)“, wenn die verheirateten Eltern ein Bruttoeinkommen von sage und schreibe 35.000 Euro brutto im Jahr verdient haben. 2.916,67 Euro brutto im Monat, 1.458,33 Euro pro Kopf. Ich frage mich tatsächlich wie das möglich sein soll, vielleicht nebenher noch eine viel zu hohe Miete oder gar ein Darlehen bei der Bank abzubezahlen und dann zugleich noch ein Kind im Studium zu finanzieren. Das Auto wird dann wahrscheinlich durch ein Fahrrad ausgetauscht, dass sich mein Kind das Studi-Ticket jeden Monat und alle sechs Monate erhöhten Semesterbeitrag der Hochschule leisten kann. (Finanzcheck unter: https://www.finanztip.de/bafoeg)

Die Tagesschau gibt an, dass es tatsächlich viele Studierende gibt, die laut Statistik BAföG bekommen würden, sich allerdings nicht trauen, diesen Antrag überhaupt zu stellen und das aufgrund der Verschuldung. Viele werden ebenfalls wegen der Komplexität der Anträge abgeschreckt. Deshalb fordern der freie Zusammenschluss von Student*innenschaften fzs e.V., nachzulesen unter der Homepage: www.bafoeg50.de, nach der Kampagne „50 Jahre BAföG (k)ein Grund zum Feiern!“: „Für eine Höhe, die zum Leben reicht! Ein BAföG, das allen reicht! Bildungsgerechtigkeit beginnt in der Schule! Sowie: Schluss mit Verschuldung“. Und das zurecht! In Google finden sich zahlreiche Bewertungen zu den einzelnen Studierendenwerken, welche nicht positiv ausfallen und das zurecht. Aus eigener Erfahrung kann ich das leider bestätigen und viele meiner Kommilitonen werden an diesem Teil des Textes nickend mitlesen. „Da fehlt ein Antrag, wo kommt der Geldbetrag her, Ihre Eltern verdienen zu viel, reichen Sie dies ein, reichen Sie das nach, SIE WERDEN ABGELEHNT!“. Viele meiner Mitstudierenden trauen sich vermutlich auch nicht dem zu widersprechen und auf ihr Recht zu plädieren. Warum auch? Das Studierendenwerk hat unfreundliche Mitarbeiter, die das schon seit Jahren machen, wir müssen denen vom Amt wohl oder übel trauen. Immerhin bearbeiten die beim Amt meinen Antrag schon seit einigen Monaten. 

Aber sind wir mal ehrlich: Wir sind alles nur Menschen und Menschen machen Fehler. Auch die unfreundlichen Mitarbeiter des Studierendenwerks in Stuttgart. Dennoch will ich mit meinen Worten den Lesern, meinen Mitstudierenden klar machen: Ihr seid nicht allein! Lasst euch nicht von einem Ablehnungsbescheid verunsichern oder holt euch Hilfe beim Beantragen der finanziellen Unterstützung, die euch zusteht. Und auch wenn es nervig ist, das Ende vom Lied ist: Ich bekomme tatsächlich BAföG. Genehmigt für ein Jahr und dann geht der ganze Witz mit einer Schlacht von Anträgen und Begründungen von vorne los.

 


Faktencheck: 

1971 wurde das BAföG eingeführt und ca. 47 % der Studierenden im Jahr 1973 erhielten BAföG. Stand 2021 sind es 11%. Wichtig hierbei ist die Anzahl der Studierenden, denn diese stieg von fast 1 Millionen auf rund 3 Millionen. Höchstbetrag der Rückzahlung beträgt 10.000 Euro - wenn das Darlehen sofort beglichen werden kann sind es 5.000 Euro. 20 bis 40 % der BAföG-Befähigten beantragen keine Förderung, da nur eine kleine Teilförderung in Frage käme.