Studium

Studis hängen an der Nadel

Stricken während der (Online-) Vorlesung: Ablenkung oder Konzentrationsförderung?

Zwischen den Reihen klimpern die Nadeln: eine Masche rechts, eine links und bloß den Faden nicht verlieren. Stricken ist längst kein Alte-Damen-Hobby mehr und liegt im 21 Jahrhundert wieder im Trend. Gerade bei den jungen Leuten erobern Handarbeiten und Stricken die sozialen Netzwerke. Es ist hip, nachhaltig, entspannend und sieht auch noch stylisch aus. Das macht sich auch in den Hörsälen bemerkbar. An der PH Ludwigsburg kann beobachtet werden, wie in vielen Reihen die Nadeln gezückt werden. Vorrangig werden Socken, aber auch Mützen, Stirnbänder und sogar Jäckchen gestrickt. Selbst in den Online-Vorlesungen in Zeiten der Pandemie sind zwischen den kleinen Webex-Kacheln immer wieder strickende Studierende zu erkennen.

Das Häkeln während der Vorlesung hat sich eher als unpraktisch herausgestellt, weil der Blick dazu meist auf die Arbeit gerichtet sein sollte. Das Stricken hingegen läuft, mit etwas Übung, beinahe automatisch von der Hand. Dies bildet ein wesentliches Kriterium, um auch während dem Stricken mit voller Aufmerksamkeit an der Vorlesung teilnehmen zu können.

Doch sind Sorgen seitens Dozierenden berechtigt, dass das Stricken die Studierenden ablenkt? Oder ist vielleicht das Gegenteil der Fall und es hilft sogar bei der Konzentration?

Unterstützt das Stricken unsere Konzentration?

Beim Stricken wird ein ruhiges und geschicktes Händchen benötigt, um nicht in Hektik zu verfallen. Hektik führt zu Fehlern und Knoten. Stricker*innen sind daher dazu gezwungen, die Sache entspannt und meditativ anzugehen. Eine entspannte Grundhaltung ist auch eine wesentliche Voraussetzung, um sich besser konzentrieren zu können. Das Stricken während der Vorlesung hilft zudem, sich auf etwas zu fokussieren und schlechte Gewohnheiten abzulegen. In einem Artikel der Zeitschrift „Psychologie heute“ von 2018 wird erklärt, dass die Hände, während dem Stricken, „beschäftigt“ sind. Wenn dies nicht der Fall ist, neigen wir während der Vorlesung dazu, zum Handy oder Tablet zu greifen und uns mit ganz anderen Dingen zu beschäftigen. Des Weiteren wird in diesem Artikel festgestellt, dass „im Gehirn einer still vor sich hin strickenden Person viel los ist.“ Damit ist gemeint, dass durch das Stricken, die Hirnareale für „Aufmerksamkeit, Planung, sensorische Informationen, räumliche Orientierung, visuelle Informationen, das Speichern von Erinnerungen, das Sprachverstehen, das Entschlüsseln von Bedeutung und die Koordination von Bewegung“ aktiv sind. Unsere Gehirnzellen werden dadurch gut vernetzt, was sich positiv auf die Entwicklung und auf kognitive Denkprozesse auswirkt.

Stricken kann unsere Konzentration also tatsächlich unterstützen. Eine Studie der Mayo Clinic aus dem Jahr 2011 berichtet, dass das Stricken sogar das Altern der Hirnzellen bremst und somit langfristig positive Effekte auf die Konzentration hat. Zudem kann es uns vor anderen schlechten Gewohnheiten während der (Online-) Vorlesung abhalten. Gerade während den Online-Semestern, in denen viele Studierende alleine vor ihrem Bildschirm sitzen, ist die Gefahr groß, den Fokus zu verlieren und sich anderweitig zu beschäftigen.

Aus vielen Foren im Internet wird jedoch ersichtlich, dass die Handarbeitstechnik oder das Strickmuster nicht zu anspruchsvoll sein darf, da es dadurch schwierig wird, sich zu konzentrieren. Das Stricken sollte demnach bereits gut beherrscht werden. Für Strickanfänger*innen wird sehr viel Aufmerksamkeit allein für das Stricken abverlangt. Dasselbe ist bei komplizierten Strickmustern der Fall.  Die Handarbeit läuft nicht mehr „nebenher“, das Risiko abgelenkt zu sein, ist groß. Für geübte und routinierte Stricker*innen sollte das Stricken während der Vorlesung also kein Problem darstellen. Wichtig ist -im wahrsten Sinne des Wortes- den Faden nicht zu verlieren. Das gilt eben auch für die Inhalte der Vorlesungen.