Studium

Hochschule in Online-Zeiten – auch die Lehre hat sich verändert - Interview mit Dr. Carolin Hestler

Durch Corona hat sich das Lernen verändert. Doch nicht nur an den Schulen wurden neue digitale Formate notwendig, auch die Hochschulen mussten sich umstellen. Über die Sicht der Studierenden ist schon viel geschrieben worden. Doch wie sieht eigentlich die Situation der Lehrenden aus? Dr. Carolin Hestler, Dozentin an der PH Ludwigsburg für das Fach Geschichte, gibt Einblicke in ihre subjektiven Erfahrungen mit der Online-Lehre.

Im Interview – zeitgemäß über Webex – äußert sie sich über …

… die Unterschiede zwischen Präsenzlehre und Online-Lehre

Ich finde es online schwieriger, in den Austausch zu kommen. Da fehlen der persönliche Kontakt und die direkte Rückmeldung, auch nonverbal. Und Diskussionen bekommt man online kaum hin. Deshalb ist die methodische Umsetzung schwierig, weil die Diskussionskultur, die für unser Fach sehr wichtig ist, fehlt.

… das Einlernen in Online-Formate

Ich habe zum Glück früher schon mit Moodle gearbeitet und da einiges ausprobiert. Es gibt zwar schon einige Schulungsangebote und Fortbildungen; um die muss man sich aber selbst kümmern. Daneben tauschen die Kolleg*innen auch untereinander Tipps aus. Was auf keinen Fall funktioniert, ist der identische Transfer einer Präsenzplanung in ein Online-Format. Das kann man nicht eins-zu-eins übertragen, sondern muss die Umsetzung den veränderten Rahmenbedingungen entsprechend modifizieren.

… Herausforderungen der Online-Lehre

Im technischen Bereich kann es manchmal zu Problemen mit der Internetverbindung kommen. Ansonsten helfen ein kreativer Umgang und auch der Austausch mit Kolleg*innen. Wir geben uns gegenseitig Tipps, zum Beispiel wie man Dateien komprimieren kann, damit Moodle nicht zusammenbricht. Ansonsten stehe ich vor dem Problem, wie ich mir Literatur beschaffen kann. Lange waren die Büchereien zu und ich musste mir einige Bücher anschaffen. Eine der größten Herausforderungen ist es aber für mich, die Studierenden nicht zu verlieren. Online arbeitetet jede*r vor sich hin, sowohl ich als auch die Studierenden. Eigentlich wären der Austausch und die Diskussion wichtig, aber das ist online sehr schwierig hinzubekommen. Eine weitere Schwierigkeit ist für mich, regelmäßig Rückmeldung zu geben. Natürlich versuche ich das, aber ich betreue rund 400 Studierende. Da schaffe ich es nicht, alle Abgaben zu kommentieren und alle Fragen zu beantworten. Was ich auch festgestellt habe ist, dass ich nie fertig werde. Ich kann nicht mein Büro verlassen und Feierabend machen, sondern bin ständig am Laptop, hier noch kurz was schauen, da noch schnell was machen. Eigentlich arbeite ich ständig an irgendetwas und das Abschalten ist schwieriger geworden.

… Vorteile der Online-Lehre  

Der größte Vorteil für mich ist, dass die Fahrzeiten wegfallen. Ich war immer mit der Bahn unterwegs und spare mir so viel Zeit und Nerven. Es ist schön, wenn man sich nicht über Störungen aufregen muss! Allerdings habe ich die Zeit immer für Korrekturen genutzt und die fehlt nun. Ein weiterer Vorteil ist, dass ich neue Formen der Lehre kennenlerne und ausprobieren kann. Und ich kann mir meine Zeit besser und freier einteilen. Das gilt aus meiner Sicht auch für die Studierenden, die Aufgaben in Einzelarbeit bearbeiten können, wenn es bei ihnen passt. Mir geht es ja darum, dass die Aufgaben gemacht werden, wann Sie das tun, ist mir egal.

… Wünsche an die Studierenden und die PH

Zunächst möchte ich hier die gute Arbeit hervorheben, die der AStA macht! Da kamen gute Anregungen und die Leute setzen sich wirklich ein! Von den Studierenden wünsche ich mir mehr Beteiligung, besonders bei den synchronen Veranstaltungen. Diskussionen funktionieren nur, wenn die Studierenden mitmachen. Mir ist auch wichtig, dass die Kamera angemacht wird. Und das Online-Format bietet viele Ablenkungsmöglichkeiten. Ich rufe alle dazu auf, die Anwesenheitszeiten – auch online – als Chance zu sehen und ohne Ablenkung zu nutzen. Von der Hochschule selbst bekommen wir viel Unterstützung, nur im methodischen Bereich würde ich mir mehr Fortbildungsmöglichkeiten wünschen.

... die fehlenden Präsenzveranstaltungen

Was ich daran nicht vermisse, sind die übervollen Seminarräume, in denen die Studierenden auf dem Boden sitzen müssen. Dagegen fehlen die „Flurgespräche“ mit Studierenden und Kolleg*innen. Es ist einfach eine lockere, informelle Art der Kommunikation, die ich wichtig und bereichernd finde. Außerdem habe ich so auch neue Leute kennengelernt, zum Beispiel beim Mittagessen. Was mir ganz praktisch fehlt, ist ein guter Scanner. Und der schnelle Gang zur PH-Bibliothek, um kurz mal zu schauen, ob dieses oder jenes Buch geeignet ist.

… die veränderte Vorbereitung

Ich schaue jetzt schon generell nach Themen, die man online gut umsetzen kann, gerade strukturell. Und ich überlege mir, was man synchron und was asynchron anbieten kann. Meine Online-Planung ist viel strukturierter: Die Aufgabenstellung muss möglichst präzise sein und auch die Abgabetermine muss ich genau festlegen und kommunizieren. Außerdem bemühe ich mich um Transparenz: Die Studierenden sollen genau wissen, welches Lernziel sie erreichen sollen. Die Materialsuche ist für mich oft schwierig, weil ich ja auch methodisch eingeschränkt bin. Und ich finde es eine echte Herausforderung, Abwechslung in die Aufgaben zu bringen, damit es nicht immer nur ums Texte lesen und Fragen beantworten geht.

… den Austausch mit Kolleg*innen

Der Austausch ist weniger geworden: Einer muss die Initiative ergreifen und dann muss man erstmal einen gemeinsamen Termin finden, das ist alles mit mehr Aufwand verbunden. Der Kontakt beschränkt sich auch im Wesentlichen auf Kolleg*innen des eigenen Faches. Oder es gibt Personen, zu denen man vorher schon Kontakt hatte. Da ist es aber schwieriger geworden, die Verbindung aufrecht zu erhalten. Und der interdisziplinäre Austausch, den ich immer als sehr bereichernd empfunden habe, fällt komplett weg. Ich muss aber auch sagen, dass durch Webex Treffen über weite Distanzen hinweg möglich und selbstverständlich geworden sind. Ich treffe mich nun viel häufiger mit Kolleg*innen von Hochschulen in anderen Städten oder Ländern. Im Moment treffe ich mich zum Beispiel zwei- bis dreimal pro Woche mit Leuten unserer Partnerhochschule in Charlotte in den USA. Man könnte sagen, die Welt rückt zusammen und gleichzeitig das Persönliche auseinander.

… die Entwicklung der Online-Lehre

Ich denke schon, dass sich die Online-Lehre über die letzten drei Semester verändert hat. Dabei habe ich für mich die Erfahrung gemacht, dass man den für sich richtigen Weg finden muss. Man probiert da Sachen aus und verändert sich. Ich habe im ersten Corona-Semester komplett asynchron angefangen, auch weil uns von der Hochschule gesagt wurde, dass die Server schnell überlastet werden. Webex-Sitzungen mit 400 Leuten am Montag um 10 Uhr vormittags abzuhalten war nicht möglich. Und mit Moodle gab es zu Beginn auch manchmal Probleme. Im nächsten Semester habe ich dann asynchrone Seminare mit synchronen Angeboten gemacht. Die Treffen waren freiwillig und ich habe sie aufgenommen für diejenigen, die nicht teilnehmen konnten. Im aktuellen Semester habe ich mich dann wieder etwas umorientiert und probiere eine Mischung aus asynchronen und synchronen Seminaren. Das ist auch eine Tendenz, die ich feststelle: Die Seminare finden immer häufiger synchron statt. Zum einen ist die Technik besser, sodass das möglich wird. Zum anderen zeigt sich immer mehr, wie wichtig der persönliche Austausch ist.

… die Auswirkungen der Coronapandemie auf die künftige Lehre

Ich könnte mir vorstellen, dass es künftig Mischformen geben wird. Das ist aber meine persönliche Meinung und Idealvorstellung. Dinge, die eigenständig erarbeitet werden müssen, können online gemacht werden. Wir haben diesbezüglich mittlerweile auch einen großen Materialumfang. Andere Dinge können Sie nur vor Ort durchführen. Nehmen Sie beispielsweise ein Archivseminar: Die Grundlagen der Archivarbeit kann jeder selbst erarbeiten, die Umsetzung im Archiv muss dann aber vor Ort stattfinden. Ich denke, dass wir alle die gemeinsame Zeit mehr wertschätzen werden, die wir miteinander verbringen – jedenfalls hoffe ich das. Insgesamt muss man aber auch sagen, dass durch Corona etliche Dinge, die bisher schiefgelaufen sind, überdeutlich werden.

… die Integration der Online-Studierenden

Mittlerweile haben wir Studierende aus den Semestern 1 bis 4, die die Hochschule nicht kennen. Für diese große Gruppe müssten wir eigentlich Erstsemestertage anbieten. Ich sehe eine große Herausforderung in der Integration dieser Online-Studierenden. Sie müssen ihre Arbeitsweise umstellen. Die älteren Studierenden, die vor der Coronapandemie an der PH waren, kennen die Diskussionskultur. Bei den anderen, die bisher nur online gearbeitet haben, müssen wir diese Diskussionskultur verorten und fördern. Das wird sicher eine große Herausforderung. Aber diese Herausforderung nehme ich gerne an und freue mich darauf!