Studium

Studierende: Betrunken oder einfach nur müde?

Warum ausreichend Schlaf wichtig ist

„Ich hab die ganze Nacht durchgelernt“ oder „Ich hab heute nur zwei Stunden geschlafen und den Abgabetermin gerade noch so erwischt“: Diese oder ähnliche Sätze haben alle Studierenden schon einmal selbst gesagt oder gehört. Der Wunsch, weniger schlafen zu müssen und mehr Zeit für alles andere zu haben, ist weit verbreitet. Manch einer fühlt sich sogar nach einer schlaflosen Nacht fitter als zuvor. Doch dies ist ein Trugschluss. Im Jahr 2003 ließen der amerikanische Wissenschaftler Timothy Roehrs und sein Team zwei Gruppen in einem ungewöhnlichen Wettkampf gegeneinander antreten: Übermüdete gegen Betrunkene: Die eine Gruppe durfte nur für zwei, vier, sechs Stunden oder überhaupt nicht schlafen, während die andere Alkohol konsumierte. Das Ergebnis der anschließenden Aufmerksamkeits- und Gedächtnistests überraschte: Wer die ganze Nacht durchgemacht hatte, dessen Reaktionsfähigkeit glich Personen, die zehn Bier (0,33 l) getrunken hatten. Zwei Stunden Schlaf entsprachen der Wirkung von sieben Bier, vier Stunden Schlaf der von fünf Bier und sechs Stunden Schlaf noch immer der von zwei Bier. Doch wieso kommt es dazu?


Müllabfuhr fürs Gehirn
Schlaf ist der Preis für die Lernfähigkeit des Gehirns. Wenn wir etwas Neues lernen, werden tagsüber neue Verbindungsstränge zwischen Nervenzellen im Gehirn aufgebaut. In der Nacht werden dann unnötige Verbindungen, die Chaos verursachen, abgebaut. Dies führt zu einem gesteigerten Energie- und Platzverbrauch sowie zu einer schlechteren Signalqualität. Im Schlaf wird alles wieder ins Gleichgewicht gebracht. Der Schlaf bringt also Ruhe und Ordnung ins Gehirn. Deshalb müssen auch alle Lebewesen mit einem Nervensystem schlafen, von der Fliege bis zur Meeresschnecke. Funktioniert diese Müllabfuhr des Gehirns nicht mehr, kommt es zu Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson.


Lernen im Schlaf: Ein sauberes Hirn denkt besser
Erinnerungen werden im Gehirn nicht an einem bestimmten, sondern an vielen unterschiedlichen Orten verarbeitet. Im Schlaf findet ein Dialog zwischen Hippocampus und Hirnrinde statt. Am Tag werden im Hippocampus neue Informationen in einem bestimmten Muster, in dem die Nervenzellen feuern, gespeichert. Der Hippocampus regt die Hirnrinde im Schlaf an, im selben Muster wie beim tagsüber Gelernten zu feuern, nur etwa drei bis fünfmal schneller. So werden neue Gedächtnisinhalte in das bestehende Gedächtnissystem der Hirnrinde integriert und wir bauen Langzeiterinnerungen auf. Doch nicht nur das: Schlaf führt zu neuen Erkenntnissen über unsere Umwelt. Viele wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse wurden nach einem Schlaf entdeckt, da das Gehirn bisher verborgene Muster erkennen kann. Im Schlaf verlieren Erinnerungen ihre Emotionalität und werden handhabbar. So ist der Tipp, eine Nacht über eine wichtige Entscheidung zu schlafen, eine gute Sache.


Wie viel Schlaf brauche ich? Ausgeschlafen durchs Studium
„Mit vier Stunden Schlaf komme ich super klar!“ oder, „Alles über sechs Stunden ist doch für Weicheier“: Viele Menschen wollen durch ihr Schlafbedürfnis zeigen, wie leistungsfähig sie sind. Doch wie viel Schlaf braucht der Mensch überhaupt in der Nacht? 80 Prozent aller Menschen geben an, zwischen sechs und neun Stunden Schlaf pro Nacht zu benötigen. Nur etwa einer von 100 kommt mit drei bis vier Stunden Schlaf aus, während eine ähnliche Anzahl zehn oder mehr Stunden benötigt. Optimal ist die Schlafdauer dann, wenn wir morgens ausgeschlafen von selbst aufwachen und auch am Wochenende nicht wesentlich länger schlafen. Leider ist es auch nicht möglich, allen unter der Woche verpassten Schlaf nachzuholen. Wenn unter der Woche täglich etwa zwei Stunden Schlaf verpasst wurde, dann wird dieser Mensch am Wochenende nicht zehn Stunden mehr schlafen. Auch das Trainieren von weniger Schlaf ist nicht möglich. Wenn wir das Gefühl haben, uns nach einigen Tagen mit kürzerem Schlaf daran gewöhnt zu haben, ist dies eine Täuschung: Wir gewöhnen uns zwar an die Schläfrigkeit, aber nicht an den wenigen Schlaf selbst. Daher stellt sich die Frage, ob 16 Stunden Wachheit bei voller Konzentrationsfähigkeit nicht sinnvoller sind, als zwei Stunden mehr Wachzeit bei weniger Konzentration, höherer Fehleranfälligkeit und somit weniger Lernen. Am effektivsten unterstützen wir das Lernen, wenn das Gehirn nachts etwa acht Stunden lang seinen Aufgaben nachgehen kann. Dafür müssen wir nicht einmal etwas tun, alle Prozesse laufen von selbst ab. Doch auch wer eine Nacht vor der wichtigen Prüfung schlecht schläft, sollte keine Probleme bekommen. Das Gehirn kann das nämlich gut ausgleichen, sofern es in den Tagen davor ausreichend schlafen durfte. In diesem Sinne: Gute Nacht!
Buchtipp: „Warum wir schlafen“ von Albrecht Vorster