Studium

Outdoor Education in Norwegen – ein Vorbild für Deutschland?

Outdoor Education ist ein fester Bestandteil der Schulen in Norwegen. Vorteile, die dadurch erzielt werden können, sind vielfältig und durch Studien gut fundiert. Deutschlands Schulen unterrichten trotzdem überwiegend im Klassenzimmer – warum?

 

Es ist ein ganz normaler Freitagmorgen in der Tonsenhagen skole Oslo: Alle Schüler und Schülerinnen der vierten Klassen rüsten sich für den bevorstehenden Schultag und hüllen sich Schicht für Schicht unter lautem Geplapper in Wolle und Daunen. Denn wie jede Woche findet freitags der Unterricht draußen statt, auch an diesem Novembertag - trotz spärlichem Tageslicht und Minusgraden. Schon der 45-minütige Weg zum Ziel gestaltet sich als Abenteuer, es wird geschlittert, gerutscht, beobachtet und entdeckt. Das Ziel ist ein Tipi mit Feuerstelle mitten im Wald, dort findet der Unterricht statt.

Die Kinder durchlaufen während des Tages verschiedene Stationen, an denen unterschiedliche Kompetenzen der Kinder gefordert, gefördert, erlernt und vertieft werden. So findet Mathematik und Sprachunterricht mit Materialien aus dem Wald statt, an der Feuerstelle wird gelernt, wie man schnell und effizient ein Lagerfeuer in Gang bringt, während im Tipi Geschichten vorgelesen werden und das Erzählen geübt wird.


Das Lernen in, mit und über die Natur ist in Norwegen fester Bestandteil der Kindergärten und Schulen. Den Kindern wird so schon früh beigebracht, sich in der Natur zurechtzufinden und diese gleichzeitig zu erhalten.


Die Tonsenhagen skole ist ein Beispiel für erfolgreich in den Schulalltag integrierte Outdoor Education, worunter sehr allgemein gesagt, jede Form des organisierten Lernens im Freien verstanden wird.


Obwohl Outdoor Education aus mehreren Aspekten heraus begründet werden kann, ist in Deutschland der Stellenwert im schulischen Bereich im Vergleich zu anderen Ländern gering. So findet man Outdoor Education hauptsächlich im Vorschulbereich, wie beispielsweise in Form von Waldkindergärten. Im Primar- und Sekundarschulbereich gibt es einige Projekte, wie das des Gymnasiums Englisches Institut in Heidelberg, bei dem die Schülerinnen und Schüler einen Vormittag in der Woche im Freien verbringen. Eine weitere Möglichkeit für Lehrkräfte ist die der außerschulischen Partner, die hinzugezogen werden können. Bekannt ist das „Wald-Klassenzimmer“ in Karlsruhe, welches für unterschiedliche Zielgruppen speziell zugeschnittene Veranstaltungen anbietet.


Begründungen für Outdoor Education sind vielfältig, so können unteranderem positive Auswirkungen im kognitiven, affektiven und naturwissenschaftlichen Lernbereich festgestellt werden, sowie im Bereich der physischen Leistungsfähigkeit. Aus sozialisationstheoretischer Sichtweise betrachtet, wird durch mehrere Aspekte die Forderung nach einem angepassten, altersgemäßen Unterricht deutlich. Darunter sind beispielsweise das veränderte Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen, der Medienkonsum und veränderte soziale Bedingungen des Aufwachsens zu verstehen. Bildungspolitisch kann Outdoor Education einen inhaltlichen Schwerpunkt im Bereich der Umweltbildung setzen. Somit kann sie im Rahmen der Leitperspektive Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) des baden-württembergischen Bildungsplanes realisiert werden.


Den vorausgegangenen Argumenten zufolge kann Outdoor Education verschiedenfach begründet werden und weist diverse positive Effekte auf. Wieso also wird Outdoor Education selten in den Alltag von deutschen Schulen integriert?


„Allein der Weg in den Wald nimmt viel Zeit in Anspruch, die ich im Klassenzimmer mit Mathematik oder Leseübungen nutzen könnte. Zudem ist es nicht leicht, ein Auge auf 25 Kinder gleichzeitig zu haben. Auch die Unterrichtsvorbereitung wäre aufwändiger“, erwidert Hanna M., Grundschullehrerin, auf die Frage.  


Die Diskrepanz zwischen gut fundierten Begründungen für Outdoor Education und der tatsächlichen Umsetzung im Schulalltag, muss für ein Gelingen demnach verringert werden. Lösungsansätze wären beispielsweise die verstärkte Thematisierung während der Lehrerausbildung sowie der Zusammenschluss mehrerer Lehrkräfte einer Schule, wodurch Ressourcen voll ausgeschöpft werden könnten - ohne Mehraufwand für einzelne Personen. Auch das gesellschaftliche Bewusstsein für ein solches Thema spielt eine entscheidende Rolle – als Beispiel kann die gelungene Integration von Outdoor Education an der Tonsenhagen skole und vielen anderen Schulen in Norwegen betrachtet werden.


Outdoor Education ist demnach Herausforderung und Bereicherung zugleich. Wenn Lehrerinnen und Lehrer gewillt sind, sich dieser Herausforderung zu stellen, kann sie Chancen bergen, die den Schulalltag auf beiden Seiten bereichern können.


Die Lehrkräfte der Tonsenhagen skole haben durch enge Zusammenarbeit, mit Outdoor Education eine Bereicherung für die Schülerinnen und Schüler und sich selbst geschaffen.


So auch wieder an diesem Freitag. Als schließlich der Ruf eines Lehrers zum Mittagessen durch den Wald schallt, sammeln sich die Schülerinnen und Schüler mit ihren Brotdosen um das Lagefeuer. Sie bereiten sich ihr Essen mit den eigens dafür geschnitzten Stöcken zu, welches daraufhin mit großer Eile verschlungen wird. Die Gründe dafür sind auf Nachfrage einstimmig: Es soll schließlich so schnell wie möglich weitergehen.