Studium & Campusleben

"Oh...wirklich? Du willst Lehrer:in werden? Das könnte ich nicht!"

Ein kleiner Motivationsschub für alle die ab und zu am Verzweifeln sind

Unruhe, Chaos, lautes Stimmengewirr. Müde, gelangweilte und frustrierte Gesichter. Streitende Kinder, wütende Eltern, untätiges Kollegium. Aufreibende Elterngespräche, anstrengende Fachschaftssitzungen. Mikrowellenessen, Klassenarbeiten korrigieren, Unterrichtsstunden vorbereiten... Und du willst Lehrer:in werden?

Du sitzt Zuhause vor deinem Laptop, eingeloggt in der vierten Vorlesung des Tages. Das Wort To-Do-Liste kennst du nur noch im Plural. Die Abgabefristen brauchen jetzt ihre eigene Seite. Du schreibst deine Zusammenfassungen und fragst dich verzweifelt, ob du die einzige Person bist, die den ganzen Stoff nicht verstanden hat. Wie du das alles für deinen späteren Unterrichtsalltag gebrauchen kannst, ist dir ein Rätsel.

Cut.

Praktikumszeitraum. Nachdem du dich wochenlang darauf gefreut hast, endlich praktisch arbeiten zu können sitzt du nun frustriert im Lehrerzimmer. Bis um zwei Uhr nachts hast du deine Unterrichtsstunde für heute vorbereitet und bist deswegen total übermüdet. Und wofür? Nichts in deiner Stunde lief so wie du es geplant hattest. Alles was schief gehen konnte ging schief. Nichts von dem Stoff, den du nächtelang für den dritten ECTP gepaukt hast, half dir irgendwie weiter. Die Lehrer:innen lästern über andere Kinder, erzählen sich von ihrem schrecklichen Tag und verteufeln ihre Elterngespräche, Fachschaftstermine und Korrekturzeiten.

Und als wäre das alles nicht genug:

Egal wohin du gehst, egal mit wem du bist, egal ob du die Person kennst oder nicht, wenn du von deinem Studiengang erzählst, passiert immer dasselbe: Ein paar Sekunden Stille, ein offenstehender Mund, dann ein gezwungenes Lächeln und „Oh…wirklich? Du willst Lehrer:in werden? Das könnte ich nicht!“ Du weißt bereits, dass diese Aussage selten wertschätzend gemeint ist und du hast recht. Auch eine einsilbige Antwort wird dich jetzt nicht retten können, denn nur selten möchte dein Gegenüber jetzt nichts sagen. Standardsätze, die nun folgen können, gibt es viele: Die Kinder werden immer respektloser und ungezogener. Lehrer:innen sind eh gar nicht mehr befugt richtig durchzugreifen. Das Bildungssystem ist ja sowieso ungerecht. Kannst du dich überhaupt durchsetzen?

Cut.

Du liegst abends in deinem Bett. Den Essay hast du gerade noch zehn Minuten Minuten vor Abgabefrist eingereicht. Morgen ist schon wieder ein Praktikumstag. Du bist total ausgelaugt. In deinem Kopf: „Oh…will ich wirklich Lehrer:in werden?“…

 

Halt Stopp! Ich möchte dir jetzt einmal all die Dinge sagen, die du sonst von niemandem zuhören bekommst:

 

Zu deinem Studium: Studieren ist immer anstrengend. Es handelt sich hierbei nicht umsonst um den höchsten Bildungsabschluss. Du bist nicht alleine. Weder mit deinen To-Do-Listen, noch mit den massenhaften Abgaben, dem Zeitstress, den vielen Zusammenfassungen oder dem oftmals fehlenden Verständnis. Und nicht zu vergessen: Du musst nicht in exakt zehn Semestern mit deinem Studium fertig sein. Wenn du dir mehr Zeit dafür nimmst, zeugt das weder von weniger Intelligenz noch von Faulheit noch von einer besseren Ausbildung. Keiner sagt, dass du aus zehn Semestern zehn Jahre machen musst, aber lass von dem zwanghaften Glauben ab, dass du es in der Mindeststudienzeit schaffen musst. Baue etwas Druck ab und sorge für genug freie Zeit. Deine geistige Gesundheit wird es dir sicherlich danken.

Zu deinen Praktika: Atme einmal tief durch und erinnere dich daran, dass du diese Fächer gerade studierst. Oftmals wird dir an den Schulen vermittelt du müsstest alles bereits perfekt können, aber das musst du nicht! Klar der Spruch ist lahm und vielleicht wirst du jetzt auch mit den Augen rollen, aber wenn du bereits alles perfekt könntest, müsstest du es ja nicht mehr lernen. Jeder Praktikumszeitraum ist anstrengend, aber am Ende wirst du doch merken wie viel du davon mitgenommen hast und letztendlich (ich weiß noch so ein Spruch): Jede Erfahrung, ist eine Erfahrung (egal wie gut oder schlecht). Hauptsache du nimmst was mit. Und wenn du mit deiner betreuenden Person und ihrem Unterricht gar nicht zufrieden bist, dann weißt du immerhin, wie du später nicht sein möchtest. Auch hier gilt: Nimm´s locker. Wenn du im Referendariat bist, wirst du über deine ersten verpatzten Unterrichtsstunden lachen und dich freuen, wie weit du gekommen bist. Und die, welche du im Referendariat vermasselst? Über die lachst du dann eben zwei Jahre später.

Zu den anderen: Deine Eltern waren gegen das Piercing? Egal. Deine bessere Hälfte war gegen den wild gemusterten Duschvorhang? Egal. Es sollte dich auch nicht interessieren, was andere zu deinem Wunschberuf sagen. Du hast vielleicht auch kein Verständnis für Onkel Bernds Bürojob oder Cousine Susis Arbeit als Laborassistentin. Zum Glück gibt es ja so viele verschiedene Arbeitsplätze und sicher hat jeder seine Vor- und Nachteile. Auch Lehrkräfte lästern ja übrigens gerne über ihren eigenen Job, aber auch das ist normal. Und seien wir mal ehrlich, sich aufregen hilft ja meistens auch. Aber betrachte die Aussagen reflektiert. Korrekturaufgaben, Elterngespräche oder Fachschaftssitzungen finden beispielsweise nicht jeden Tag statt. Darum gleich den ganzen Beruf zu verteufeln, macht also wenig Sinn.

Zu dir selbst und deinem Beruf: Du weißt genau, jeder muss selbst entscheiden, was er später mal machen möchte und das passende für sich finden. An dieser Stelle gehe ich aber einfach mal davon aus, dass du dich aus einem guten Grund für dieses Studium entschieden hast. Erinnere dich an deine persönlichen Gründe für diesen Beruf und vor allem erinnere dich an all die positiven Aspekte. Für den Fall, dass du jetzt ins Stocken gerätst, möchte ich etwas nachhelfen: DU darfst anderen Kindern die Fächer vermitteln, die dir am meisten Spaß machen und sie dafür begeistern. DU wirst vielen Heranwachsenden ein Vorbild sein und sie in ihrer Entwicklung prägen. DU bist dazu befugt deine Arbeitszeiten und deinen Arbeitsort, abgesehen von den Schulstunden, frei zu gestalten. DU hast die Möglichkeit Kinder und Jugendliche beim Erwachsenwerden zu unterstützen und ihnen eine helfende Hand zu reichen. DU kannst einen der wichtigsten Lebensräume der Schüler:innen gestalten und ihn zu einem sicheren Ort machen. DU hast das Potential, die Heranwachsenden durch den Dschungel der Gefahren von Social Media, Fake News und Co. zulotsen. Und neben all diesen tollen Möglichkeiten und Aufgaben, die dieser Beruf mit sich bringt, hast du außerdem einen sicheren Job mit einem sicheren Einkommen, die Freiheit deinen Arbeitsumfang selbst zu bestimmen und optimale Rahmenbedingungen für eine Familie. Höchst wahrscheinlich wirst du in deinem Job als Lehrkraft nicht die ganze Welt verändern oder Leben retten können, aber du hast dir ein tolles Studium ausgesucht und einen Beruf mit der Möglichkeit viel zu bewirken.

Alles in Allem: Nimm´s locker. Lass von der Vorstellung ab, alles so schnell wie möglich und so perfekt wie möglich können zu müssen. Mache dir bewusst, dass alles ab und an Mal anstrengend ist und zu Beginn sowieso. Lass dich einfach auf die Herausforderungen ein. Und wenn du mal wieder am Verzweifeln bist oder mal wieder nicht weißt, warum du eigentlich Lehrer:in werden willst dann schnapp dir das Telefon, rege dich bei irgendjemandem so richtig auf und dann lese diesen Artikel einfach nochmal.