Rezensionen

The Florida Projekt

Eine Film Review zu einer der wahrscheinlich ehrlichsten Darstellungen von US-amerikanischer Kultur am Rande des Existenzminimums.

„Sean Baker hat einen besonders zärtlichen Blick für Menschen an den Rändern der Gesellschaft“, schreibt Anke Sterneborg 2018 in ihrer Film-Review bei epd Film über den Regisseur von „The Florida Projekt“. Denn der Film zeigt ganz unverblümt, wie Disneyland, Palmen und Resorts gleichzeitig zu Motels, Mikrowellenessen, Drogen und Überlebenskämpfen in einem so sonnigen Bundesstaat wie Florida existieren können.

Die Geschichte folgt Moonee in ihrem Alltag in den Sommerferien. Fast biografisch wird jeder Schritt, Gedanke und Streich der Sechsjährigen dokumentiert. Schnell fällt auf, dass Erwachsene zwar Teil ihres Alltags sind, sie aber ihren ganz eigenen freien Willen durchsetzt. So streunert sie mit ein paar Gleichaltrigen immer wieder dieselben Straßen entlang, auf der Suche nach Beschäftigung. Den Generalstrom des Motels ausschalten, auf Autos von Touristen spucken und um Geld betteln, um sich Eis zu kaufen, gehören zur Routine. Doch das ist nicht überraschend: Ihre Mutter, die oft noch selbst wie ein Teenager wirkt, hat kein festes Einkommen und erwirtschaftet sich ihren Alltag durch Betrugsmaschen an Touristen, Prostitution oder macht einfach nichts. Trotzdem merkt man der Alleinerziehenden die Liebe und Hingabe zu ihrer Tochter an. Sie erkennt ihre Fehler, weiß von ihren Schwächen und schafft es trotzdem nicht, etwas an der Situation zu ändern. Vielleicht, weil sie noch nicht verantwortungsbewusst genug ist oder vielleicht, weil sie einfach nicht kann.

„Im Vergleich zu anderen Industrienationen verfügen die USA über ein weniger ausgeprägtes soziales Sicherheitsnetz“, schreibt ZDF heute 2024 über die immer höher steigende Zahl der Obdachlosigkeit in den USA. Hohe Mieten und Lebenshaltungskosten, zusätzlich zu stagnierenden Löhnen, machen den Alltag ohnehin schon schwer; alleinerziehend, wahrscheinlich ohne Ausbildung, einen Job zu finden, der nicht nur Miete, Leben und Kinderbetreuung finanziert, grenzt an das Unmögliche. Trotzdem ist die Situation Moonees schwer aushaltbar und versetzt die Zuschauer*innen in den inneren Konflikt zwischen Liebe der Mutter und Schutz des Kindes.

Der Film ist für jeden etwas, der nicht nur die polierte Hollywood-Version des US-amerikanischen Alltags sehen möchte, und richtet auch einen großen Fokus darauf, was Kinder schon alles wissen, fühlen und mit sich tragen, egal wie alt sie sind.

Trotz der harten Themen schaffen die Farben, Randcharaktere sowie die aufgeweckte Art Moonees, all das Leid immer wieder zu vergessen und eine Komik in die prekäre Situation zu bringen.

Streaming: Amazon Prime, Apple TV, YouTube
Länge: 111 Minuten
FSK: 12