Shida Bazyars Roman „Nachts ist es leise in Teheran“ (2017) erzählt von Flucht, politischer Enttäuschung und dem Leben zwischen zwei Ländern. Im Mittelpunkt steht eine iranische Familie, die nach der Revolution von 1989 ihre Heimat verlassen muss und in Deutschland ein neues Leben beginnt. Bazyar verbindet dabei persönliche Familiengeschichte mit politischer Zeitgeschichte und zeigt, wie historische Umbrüche individuelle Biografen über Jahrzehnte hinweg prägen.
Shida Bazyar wurde 1988 in Deutschland geboren und wuchs in Rheinland-Pfalz auf. Sie studierte Kreatives Schreiben in Hildesheim. I ihren Werken behandelt sie vor allem Migration, Erinnerung und Identität. Für ihr Debüt „Nachts ist es leise in Teheran“ erhielt sie mehrere Auszeichnungen, darunter den Uwe-Johnson-Förderpreis.
Der Roman ist in vier Teile gegliedert, die jeweils aus der Perspektive eines Familienmitglieds erzählt werden und etwa zehn Jahre auseinanderliegen. Zunächst berichtet der Vater Behsad vom revolutionären Aufbruch im Iran.
Als politisch engagierter Gegner des Schah-Regimes setzt er große Hoffnungen in die Revolution, bis deutlich wird, dass auch das neue islamische Regime politischer Gegner verfolgt und die Familie schließlich zur Flucht zwingt.
Im zweiten Teil rückt die Mutter Nahid in den Mittelpunkt. Aus ihrer Sicht wird das Leben im deutschen Exil geschildert: der Versuch, im neuen Alltag anzukommen, während die Erinnerungen an den Iran und die politische Vergangenheit weiterhin präsent bleiben. Danach erzählt die Tochter Laleh , die in Deutschland aufwächst und bei einem Besuch im Iran erstmals intensiver mit der Herkunft ihrer Familie konfrontiert wird. Zwischen deutscher Gegenwart und iranischer Vergangenheit sucht sie nach einer eigenen Identität. Den letzten Teil übernimmt schließlich der Sohn Mo. Als junger Erwachsener verfolgt er die politischen Entwicklungen im Iran aus der Distanz, insbesondere die Proteste nach den iranischen Wahlen 2009 und beginnt, sich neu mit den politischen Geschichten seiner Familie auseinanderzusetzen.
Gerade die wechselnden Perspektiven verleihen dem Roman seine besondere Stärke. Bazyar zeigt wie unterschiedlich Flucht, Exil und politische Erfahrungen innerhalb einer Familie verarbeitet werden und wie stark sie die Lebensrealitäten der nächsten Generation prägen. Die Geschichte wird so nicht nur zur Familienchronik, sondern auch zu einem vielstimmigen Blick auf Migration, Erinnerung und politische Verantwortung.
Auch im Kontext aktueller politischer Spannungen rund um den Iran wirkt der Roman bemerkenswert gegenwärtig. Nachts ist es leise in Teheran macht deutlich, dass die heutigen Konflikte auf eine lange Geschichte politischer Kämpfe und gesellschaftlicher Umbrüche zurückgehen und dass ihre Folgen bis in die Lebensgeschichte einzelner Familien reichen.
Gerade durch die Verbindung von politischer Zeitgeschichte und persönlicher Familienerzählung, sowie die unterschiedlichen Perspektiven auf Migration, Exil und Identität ist der Roman eine eindrucksvolle und empfehlenswerte Lektüre.