„Im Leben gibt es nicht immer nur den geraden Weg“ - Aus dem Alltag einer Lehrerin für Gehörlose und Autisten

Melanie-Christine Kurz

„Mein Arbeitsalltag ist so toll! Ich liebe meine Schule!“ Schönere Aussagen kann eine Lehrerin wohl kaum treffen. Und das obwohl – oder gerade weil – Katrin nicht den Weg gegangen ist, den Studium und Schulmaschinerie ursprünglich vorgesehen hatten.

Katrin studierte in Aachen Gymnasiallehramt für Deutsch, Englisch und Informatik. Nach dem Referendariat, für das sie nach Stuttgart gekommen war, war sie ein wenig resigniert und hatte das Gefühl, ihre Ausbildung sei noch nicht abgeschlossen. „Ich dachte, da muss es doch noch was Besseres geben“, so die 34-Jährige.
Als sie für die ihr zugeteilte Planstelle nicht umziehen wollte, ergab sich eine glückliche Fügung: die E-Mail einer Berufsschule mit der Frage „Lust, die Gebärdensprache zu lernen?“. Da Katrin während des Studiums schon sonderpädagogische Erfahrung bei ihrer Arbeit in der Musiktherapie sammeln konnte, zögerte sie nicht lange, machte einen Kurs für Gebärdensprache an der Volkshochschule und trat ihre neue Stelle an.

Nun unterrichtet sie bereits seit fast fünf Jahren an der Berufsschule des Berufsbildungswerks der Paulinenpflege in Winnenden. Die Schule wird in erster Linie von Gehörlosen, Schwerhörigen, Autisten und Schülerinnen und Schülern mit AVWS (Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung) besucht. Aber auch Jugendliche und junge Erwachsene mit verschiedensten Sprach- und Sprechstörungen, ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) und psychischen Erkrankungen befinden sich in der Schülerschaft.
Sie können dort eine Berufsausbildung in einer der hauseigenen Werkstätten machen - oder sie werden in einem anderen Betrieb ausgebildet und besuchen lediglich begleitend die Schule. Die so genannte Fachpraktikerausbildung (z.B. Fachpraktiker für Holzverarbeitung, Fachinformatiker oder Mediengestalter) ist für Schülerinnen und Schüler, die eine Vollberufsausbildung nicht schaffen würden. Darin sind die Lerninhalte reduziert und die Arbeitsschritte vereinfacht.
Mit viel Bewunderung spricht Katrin von ihrer Schülerschaft: „Ich trotze unseren Schülern unglaublich viel Respekt ab. Bei vielen stecken unglaubliche Werdegänge und Familiengeschichten dahinter. Unter diesen Umständen hätte ich schon längst aufgegeben und würde da nicht mehr sitzen und eine Ausbildung machen. Ich bewundere, dass meine Schülerinnen und Schüler kämpfen und ihren Weg gehen!“

Die Klassen sind klein. Höchstens zwölf Lernende sitzen zusammen, eine Klasse besteht sogar nur aus einer Schülerin. Selten läuft alles glatt im Unterricht, aber es gebe immer Zeit für den Einzelnen und „Platz für die Eigenheiten“. Manche können beispielsweise nur lernen, wenn die Lehrerin daneben sitzt. Andere können nicht stillsitzen und bekommen einen Ball. Für Autisten gibt es einen Ruheraum, in den sie sich zurückziehen können. Außerdem werden die Lehrkräfte durch engagierte Sozialdienstmitarbeiter unterstützt.
Besonders schätzt Katrin die meist große Toleranz unter den Schülerinnen und Schülern, die auch vor den Unterrichtenden nicht Halt macht. „Ich kann mir nicht mehr vorstellen, in einem Umfeld zu arbeiten, wo die eigenen Fehler nicht toleriert werden“, stellt sie fest.
Die offene und gelassene Art und Weise, mit der die Lernenden das Leben angehen, hat den Blick der Lehrerin auf die Welt verändert: „Ich bin wirklich dankbar, die Erfahrung machen zu können, dass es im Leben nicht immer nur den geraden Weg gibt, sondern dass es auch Abzweigungen geben darf.“

Langweilig wird es Katrin bei der Arbeit jedenfalls nie. Auch Erfahrungen mit „Kulturschock“ hatte sie zu verarbeiten. Die „schwäbische Reserviertheit“ prallte in Elterngesprächen oft auf die „läppsche, lockere Art“ der gebürtigen Kölnerin. Außerdem lösten Begriffe wie „aufstuhlen“ und „Hocketse“ bei ihr anfänglich mittelgradige Irritationen aus.
Der oft chaotische Schulalltag hält immer wieder Überraschungen parat. So kann die Lehrerin beispielsweise davon berichten, wie ein Schüler genau weiß, dass die seltsamen Geräusche über dem Klassenzimmer nicht von einem UFO stammen können, da er schon mehrmals gelebt und sich in jeder Galaxie aufgehalten habe. Oder mit welch entwaffnender Ehrlichkeit ihr ein anderer nahelegt, das Kuchenessen im Lehrerzimmer doch lieber ausfallen zu lassen, da sie in letzter Zeit sehr zugenommen habe.
Diese und ähnliche kuriose Ereignisse verarbeitet Katrin kreativ und hält sie regelmäßig in Form von Kurzgeschichten fest. Der Schulalltag sorgt also nicht nur dafür, dass sie immer etwas zu erzählen hat, sondern er hat Katrin auch Erfahrungen beschert, die ihr auf dem „geraden Weg“ entgangen wären.