Kultur

Neues vom berühmtesten Bartträger der Welt

Billy Gibbons veröffentlicht sein neues Soloalbum „Hardware“, eine Rezension von Samuel Haug

Quelle: Universal Music, Copyright: Roger Kisby https://www.universal-music.de/billy-f-gibbons/fotos/billy-f-gibbons-2021-48167_514335

Der Name Billy Gibbons dürfte wahrscheinlich nur Kennern ein Begriff sein. Sein Bart dagegen hat wohl den Titel „bekanntester Vollbart der Welt“ verdient. Fast genauso populär wie sein Bart sind die Songs seiner Band „ZZ Top“. Das US-amerikanische Rock-Trio, bestehend aus dem Bassisten Dusty Hill, der einen Vollbart wie Gibbons trägt, dem Schlagzeuger Frank Beard, der ironischerweise keinen Bart trägt und eben Gitarristen und Frontmann Billy Gibbons, feierte 2019 ihr 50-jähriges Bandjubiläum und steht wie kaum eine andere Formation für die Beständigkeit des Bluesrocks.
Die bluesigen Gitarrenriffs von Gibbons, der immerwährende Vierviertel-Beat Frank Beards und der pushende Bass von Dusty Hill wecken eine plötzliche Sehnsucht nach den endlosen amerikanischen Highways. Da bin nur ich, mein Truck, die Hitze und eben der passende Soundtrack von „ZZ Top“. Dabei ist es gar nicht so wichtig, welcher Song aus der Anlage dröhnt. Ob „Sharp Dressed Man“, „La Grange“ oder „Gimme All Your Lovin‘“. Es fühlt und hört sich an, als nehme „ZZ Top“ seit 50 Jahren dieselben Songs auf: Ein durchgängiger Beat, ein treibender Bass und ein Gitarrenriff.  Der Hauptunterschied zwischen den Liedern besteht im Wesentlichen im Songtitel sowie dem Gitarrensolo von Billy Gibbons. Und das will die Welt auch von „ZZ Top“. Der Vibe der Band ist schon immer derselbe, Billy Gibbons Bart ist schon immer derselbe. Und das soll am besten auch für immer so bleiben.


Doch nun hat sich etwas geändert. Billy Gibbons hat seine erste komplett selbst verfasste Soloplatte aufgenommen, zusammen mit neuen Leuten, unter eigenem Namen. „Hardware“ nennt sich das Album, in Anlehnung an den verstorbenen Toningenieur Joe Hardy. Stilecht ziert das Cover ein Oldtimer, wobei Autos natürlich neben Frauen, Texas und Mexiko auch bei Billy Gibbons Soloprojekt die Hauptthemen sind, gewohnt gepaart mit einer Menge Humor und Ironie. Zugegeben, die ersten Lieder der Platte klingen nach einer ziemlich guten Cover-Band von „ZZ Top“, die unveröffentlichte Songs des Trios aufgenommen hat. Gibbons charakteristisch dröhnende Stimme, gepaart mit seinen rockigen Rhythmus-Gitarren sowie den sehnigen Gitarrensolos sind eben unverkennbar. Spätestens mit der Ballade „Vagabond Man“ befreit sich Gibbons allerdings in neue Klangwelten und aus dem harten Rocker wird ein waschechter Schmusesänger, der sich im Laufe des Albums noch einige Male in einem anderen Gewand zeigt. Es scheint als würde er zu Beginn der Platte die Erwartung eingefleischter „ZZ Top“-Fans erfüllen, um im weiteren Verlauf des Albums verschiedene Genres und Stile zu vermischen und sein Ding durchziehen zu können. Gleich im nächsten Song „Spanish Fly“ wird mit Effekten und elektronischen Beats nur so um sich geworfen. Auch die Drums, gespielt vom ehemaligen „Guns N‘ Roses“-Schlagzeuger Matt Sorum, nehmen in selbigem Stück eine herausragende Rolle ein und stehlen Gibbons Gitarrenkünsten am Ende beinahe die Show. Ein besonderes Highlight der Platte sind auch verschiedene Background-Chöre, die den klassischen Rocksongs neue Energie geben. Exemplarisch hierfür ist „Stackin‘ Bones“, wofür Gibbons das Duo „Larkin Poe“ ins Boot geholt hat. Auch die Produktion der Lieder wirkt insgesamt etwas fetter, härter und rauer und dadurch etwas frischer, ohne jedoch dabei den klassischen Bluesrockvibe zu verlieren, den man auch schon von „ZZ Top“ kennt. Das Album schließt mit dem sphärischen Song „Desert High“, welcher thematisiert, wo das Album aufgenommen wurde: in der Wüste von Joshua Tree, zwischen Kakteen, Klapperschlangen, im Staub, in der Hitze, irgendwo im Nirgendwo. Dort in der Wüste hätten sie den ganzen Corona-Frust rausgerockt, sagt Gibbons. Und das hört man.


„Hardware“ ist eindeutig ein Rock-Album und nicht zuletzt aufgrund der unverkennbaren Stimme und des Gitarrenspiels von Billy Gibbons könnte es auch problemlos als „ZZ Top“-Platte durchgehen. Allerdings tut das unterschiedliche Personal, sowie die Produktionsstätte in der Wüste dem Album gut. Die Songs erhalten eine gewisse Würze, vor allem das Schlagzeug und die Stimmen erregen deutlich mehr Aufmerksamkeit und viele verschiedene Einflüsse wie New-Wave, Country oder auch Metal finden Eingang, weshalb jedes Lied neben dem altbekannten Rockvibe stets für eine Überraschung gut ist. So kann „Hardware“ zum neuen Soundtrack der Sehnsucht nach den amerikanischen Highways werden. Der stetige Begleiter dabei: der unverkennbare Billy Gibbons, mit seinem unverkennbaren Vollbart.