Kultur

Buchrezension „WAS WEISSE MENSCHEN NICHT ÜBER RASSISMUS HÖREN WOLLEN ABER WISSEN SOLLTEN“ von Alice Hasters

„Woher kommst du wirklich?“ Die Antwort, die Alice Hasters immer wieder auf diese Fragen gibt, lautet: „Deutschland“. Gut recherchiert und persönlich schreibt die Autorin, Journalistin und Podcasterin über Alltagsrassismus, historische Hintergründe von Rassismus und ihr Leben als deutsche BPoC - Black, Indigenous and People/Person of Color.

Das autobiographische Sachbuch „WAS WEISSE MENSCHEN NICHT ÜBER RASSISMUS HÖREN WOLLEN ABER WISSEN SOLLTEN“ gibt Einblicke in die von Rassismus geprägte Welt der Autorin und schärft den Blick für die politische und gesellschaftliche Aktualität dieses Themas. Es klärt darüber auf, was Alltagsrassismus ist, warum viele weiße Menschen davon noch nie etwas gehört haben und wie frau und man ihn erkennen kann. Es fordert jede*n Leser*in dazu auf, die persönlichen Handlungen und Haltungen regelmäßig zu überdenken.

Als Tochter einer Afro-Amerikanerin und eines Deutschen sah sich die 30-jährige Autorin immer wieder mit Identitätsfragen konfrontiert. Sie wurde von ihrem Umfeld stereotypisiert und aufgrund optischer Merkmale diskriminiert. Mit ihren persönlichen Erlebnisberichten möchte sie jedoch nicht nur auf ein individuelles, sondern auf ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem aufmerksam machen: „Rassismus ist in unserem System. So sehr, dass er oft unbewusst geschieht – besonders der sogenannte Alltagsrassismus“ (S. 16f.).

Alice Hasters bezeichnet sich selbst als mixed (engl. mixed = gemischt), was mehr auf ihre Herkunft als auf ihre Hautfarbe abspielt. Die Autorin muss noch ein paar Mal in ihrem Buch auf englische Fachbegriffe zurückgreifen um Tokenism, Othering, oder Stereotype Threat, zu benennen und dann zu erklären. Der Rückgriff auf die englische Sprache zeigt auf, dass die deutsche Sprache zum einen überholt ist und zum anderen Deutschland prinzipiell eher halbherzig gegen Rassismus vorgeht.
Wer das Buch liest, dem/der wird schnell bewusst, dass Rassismus weder der Vergangenheit angehört noch in die rechte Ecke der deutschen Gesellschaft geschoben werden kann. Rassismus ist etwas Alltägliches und Allgegenwärtiges. Was bei unreflektierten Äußerungen beginnt, endet nicht bei ungenierten Griffen von fremden Menschen in das Haar der Autorin. Solche und ähnliche Vorfälle möchte sie jedoch nicht mehr schweigend über sich ergehen lassen, sondern bestimmt dagegen vorgehen. Es ist ihr ein großes Anliegen mit diesem Buch mehr Menschen einen Zugang zum Blickwinkel von BPoC zu ermöglichen.

Hasters unterteilt ihr Buch in fünf Kapitel. Eines widmet sie ihrer Schulzeit und berichtet über Lücken im Bildungsplan, diskriminierende Philosophen, rassistische Lehrer*innen und Erfahrungen mit Mobbing an der Schule.
„Nur, weil der Rassismus an deutschen Schulen nicht empirisch festgehalten wird, heißt das nicht, dass er nicht existiert“ (S. 75). Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sich alle (angehenden) Lehrkräfte ganz besonders für strukturelle Ungleichheit sensibilisieren müssen. Das sollte auch Teil des Lehramtsstudiums sein, fordert Alice Haters. Lehrende sollten lernen, ihre eigenen internalisierten Denkmuster kritisch zu beleuchten und dazu beitragen, dass künftige Generationen das „R-Wort“ möglichst nur noch aus Geschichtsbüchern kennen. Somit würde ich die Lektüre des Buchs für den Einsatz im Unterricht empfehlen und auf diese Weise das Thema (Alltags-) Rassismus mit Schüler*innen thematisieren. Dabei können unterschiedliche Lebensabschnitte (Kindheit, Schulzeit, Austauschjahr in den USA, Mini-Job, etc.) der Autorin beispielhaft zur Untersuchung herangezogen werden.

Außerdem würde ich dieses Buch meinen besten Freuden empfehlen, denn, auch wenn sich die wenigsten als Rassisten*innen bezeichnen würden, müssen sich die meisten wahrscheinlich an irgendeinem Punkt des Lesens eingestehen, dass sie in der Vergangenheit schon einmal rassistisch gehandelt haben. Enden möchte ich solidarisch-schwesterlich mit den Schlussworten des Buches: „Sich mit der eigenen Identität und Rassismus auseinanderzusetzen, ist viel Arbeit, ist teilweise schmerzhaft und braucht Zeit (...), [aber es macht auch] glücklich und frei“ (S. 211).

Alice Hasters (2019): "WAS WEISSE MENSCHEN NICHT ÜBE RRASSISMUS HÖREN WOLLEN ABER WISSEN SOLLTEN". München: hanserblau Verlag. S. 211, geb. 17,- Euro, Jgst. 10 bis 13.