Kultur

Was fasziniert uns an wahren Verbrechen? True Crime Podcasts und die Frage, warum wir sie hören

Immer mehr Menschen nutzen das Medium Podcast. Besonders das Genre ‚,True Crime‘‘ erfreut sich stetig steigender Zuhörerzahlen.

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Wer sich auf Portalen wie spotify oder deezer in der Podcast-Kategorie aufhält, kommt am Genre „True Crime“ nicht mehr vorbei. Der Beginn der Gattung liegt in der 2014 entstandenen True Crime Serie ,,Serial‘‘, einem Podcast des Chicago Public Radios, der verschiedene reale Mordfälle behandelt. Neben Fernsehformaten wie dem Urvater des Genres, Aktenzeichen XY ungelöst und True Crime Romanen wie Truman Capotes ,,Kaltblütig‘‘ existieren mittlerweile immer mehr deutschsprachige Podcats wie ,,Mordlust‘‘ von Paulina Krasa und Laura Wohlers, ,,ZEIT Verbrechen‘‘ vom Magazin ZEIT sowie ,,True Crime Germany‘‘ von den True-Crime-Freunden Chris, Kat, Dominik und Stefan recherchieren reale Kriminalfälle und erzählen diese dann für den Hörer nach. Im Podcast ,,Mordlust‘‘ erzählen sich die beiden Sprecherinnen jede Folge je einen Fall zu einem bestimmten Thema nach, die letzten 3 Folgen behandelten thematisch Hochstapler, ungelösten Fällen, sogenannte Cold Cases und das Thema Schuldfähigkeit und wann diese nicht mehr gegeben ist. Diese Podcasts können rapide steigende Hörerzahlen verzeichnen. Menschen aller Altersklassen und Interessengebieten finden Gefallen an True Crime – doch woher kommt diese Faszination, die Menschen dazu bringt, die neuste Folge des jeweiligen Lieblingsformates direkt am Tag des Erscheinens anhören zu wollen, wohlwissend, dass die darin erzählten Fälle selten ein positives Bild auf die Welt werfen, in der wir leben?


Erklärungen gibt es viele: Der Ethnologe Thomas Hauschild von der Universität Halle führt an, dass in einer Zeit, in der wir durch Nachrichten über unverständliche Finanzströme verunsichert werden, True Crime ein Ort ist, an dem der Kommissar am Ende genau weiß, was los ist. Die Einteilung in Gut und Böse ist deutlich und greifbar. Aber auch Voyeurismus, die Frage, ob die Hörenden selbst zum Mörder werden könnten, der Versuch, sich in Opfer (oder auch Mörder!) hineinzuversetzen oder das wohlige Gefühl, welches aufkommt, wenn man sicher und gemütlich auf der heimischen Couch sitzt und weiß, dass es zum Glück jemand Anderen getroffen hat. Eine 62-Jährige Hörerin des Podcasts ,,ZEIT Verbrechen‘‘ beantwortete die Frage nach ihrer ganz persönlichen Motivation, True Crime Podcasts zu konsumieren, so: ,,Es ist spannend, gleichzeitig erinnert es mich aber auch daran, mit wachsamen Augen durch die Welt zu gehen und nicht für selbstverständlich zu nehmen, dass ich noch nie Opfer eines Verbrechens wurde‘‘.


Vermutlich möchte niemand sich eingestehen, dass die Nacherzählung von wahren Verbrechen auch solch eine anziehende Wirkung auf uns ausübt, weil es ein bisschen wie ein Unfall ist: nicht schön, aber weg zu schauen fällt schwer. Und zu guter Letzt versucht manch Einer, sich die Frage zu beantworten, ob es das Böse gibt. Können Menschen böse geboren werden, oder werden sie erst zu Mördern gemacht, und wenn letzteres der Fall ist – wodurch?


Vielleicht sollten wir, jeder für sich, ein wenig in uns hineinhören und nach unseren Beweggründen forschen, warum uns dieses Format so sehr fesselt. Vielleicht sollten wir aber auch einfach genießen, dass immer mehr verschiedene Podcasts innerhalb dieses Genres erscheinen und so beinahe jeder die Möglichkeit hat, sich von der meist gut recherchierten und spannend erzählten akustischen Literatur fesseln zu lassen.