Kultur

Von Liebe und Wahnsinn in Zeiten des Krieges

Im Dezember 2018 stellte der Rowohlt Verlag die längst überfällige Neuübersetzung des zweiten großen Romans von Ernest Hemingway „A Farewell to Arms“ vor. Gewohnt routiniert überträgt der vielfach preisgekrönte Übersetzer Werner Schmitz den Text in zeitgemäßes Deutsch. Knapp ein Jahrhundert nach der Veröffentlichung dieses „Literatur-Klassikers“, stellt sich dennoch die Frage, wie gut der Roman die Zeiten überdauert hat. Kann der Text heute überhaupt noch eine besondere Wirkung beim Leser geltend machen?

Beim Ausbruch des 1. Weltkriegs studiert der junge Amerikaner und Ich-Erzähler Frederic Henry Architektur in Rom. Er beschließt, sich freiwillig einer Sanitätseinheit der italienischen Armee anzuschließen und wird an die italienisch-österreichische Front in den Julischen Alpen stationiert. Henrys Leben ist zu diesem Zeitpunkt vor allem durch Langeweile, Alkoholismus und Geschlechtskrankheiten - ausgelöst durch die zahlreichen Besuche in den Armeebordellen - geprägt. Weil sich die Armeen seit Jahren ohne nennenswerten Geländegewinn gegenüberstehen, ist der Alltag hinter der Front für den Amerikaner zunächst nicht von Gewalterfahrungen geprägt. Auf der Suche nach einer Beschäftigung lernt er die schottische Krankenschwester Catherine Barkley kennen. Zwischen den beiden entwickelt sich rasch eine Liebesbeziehung, die im Roman sukzessive mehr Raum einnehmen wird.

Ernest Hemingway war selbst als 18-jähriger im Sanitätsdienst der italienischen Armee tätig; offensichtlich sind Teile des Romans autobiographisch geprägt. Gerade diese Passagen, in denen die Kriegserfahrungen von Henry beschrieben werden, wirken unheimlich authentisch und glaubhaft. Dabei ist die Perspektive des Erzählers in diesem Text eine ganz andere, als beispielsweise in Erich Remarques „Im Westen nichts Neues“ (1929). Henry berichtet zunächst kaum von Tod, Dreck und Entbehrungen in Schützengräben. In den Bergen sieht er vor allem eine malerische Kulisse und der Krieg spielt sich für ihn in weiter Ferne ab. Völlig überraschend wird er – bezeichnender Weise beim Käse essen und Wein trinken – dann doch vom feindlichen Artilleriebeschuss verwundet.

Nach seiner Rückkehr aus Mailand, wo er sich in einem Lazarett von seinen Verletzungen erholen musste, ändert sich die Lage an der Front dramatisch. Den österreichischen Truppen gelingt der Durchbruch, die italienische Armee befindet sich daraufhin auf einem chaotischen Rückzug. Auf den folgenden Seiten schafft Hemingway eine Atmosphäre, die so dicht und eindringlich ist, dass sich der Wahnsinn des Krieges schmerzhaft in ihr spiegelt. Für Henry ist die größte Gefahr von nun an die italienische Armee selbst, weil er aufgrund seines Aussehens und seines Akzents als Ausländer wahrgenommen wird und damit als Spitzel der Österreicher gilt.

Einzelne Szenen, die sich auf diesem Rückzug abspielen, brennen sich in das Gedächtnis des Lesers ein. Hemingways karge und nüchterne Sprache, in denen Adjektive kaum Verwendung finden, unterstreicht die desillusionierte Sicht der Figuren auf das Chaos um sie herum.

Diese großartigen Passagen bilden den Rahmen für die Liebesgeschichte zwischen Henry und Catherine Barkley, die leider einige Schwächen aufweist. Beide Figuren handeln im Laufe der Beziehung widersprüchlich und wenig glaubwürdig. Für Henry steht zu Beginn eindeutig der Sex im Vordergrund. Später wird er behaupten, dass er Catherine Barkley liebe. Weil er allerdings seine Gefühle dem Leser nie genau erläutert, wird auch nicht klar, was genau sein Umdenken auslöst. Ganz blass bleibt die Figur Catherine Barkley. Zu keinem Zeitpunkt ändert sie ihr devotes Verhalten. Sie ist – ihrer eigenen Aussage nach – von Beginn an in Henry verliebt und sieht ihr persönliches Ziel ausschließlich darin, in Henry vollkommen aufzugehen.
Fast schon unfreiwillig komisch wirken die hölzernen Dialoge zwischen den Verliebten.
Das Besondere am Roman ist die Authentizität der Handlung, die der Leser allerdings in der Figurengestaltung und der Liebesgeschichte vermisst.  

Prägend für die Narrative ist der pessimistische Ton der Erzählung. Darum scheint es nur folgerichtig, dass die Handlung des Romans in einem hoffnungslos traurigen Ende aufgehen wird. Die Wucht der Ereignisse wird allerdings dadurch geschmälert, dass der Leser zu den beiden Hauptfiguren kaum Sympathie entwickeln konnte. Dadurch verringert sich auch das Mitgefühl gegenüber dem harten Schicksal der Figuren.

Der Roman hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. In anderen Texten hat Hemingway schlüssigere Figurenkonstellationen geschaffen. Vor allem bei der Konstruktion einer weiblichen Figur mit differenzierten Charakterzügen hat sich der Autor hier schwergetan. Henrys Kriegserfahrungen dagegen lesen sich noch immer sehr modern und wirken bis heute nach.

Ernest Hemingway
„In einem anderen Land“
Rowohlt, Berlin, 1. Auflage Dezember 2018
Gebundenes Buch, 394 Seiten.