Kultur

Trail Running - eine Verabredung zum Abenteuer

Eine Herausforderung, der sich immer mehr Menschen stellen: Trail Running. Doch warum tun sie das? Was macht diese Sportart so einzigartig?

Mein Wecker klingelt um 05:00. Es ist viel zu früh für mich, um jetzt schon aufzustehen. Trotzdem setze ich mich auf, dusche, packe die letzten Sachen in meinen Koffer. Ich zwinge mich, zu frühstücken, denn ich habe heute einiges vor. Mit einem langjährigen Freund habe ich mich zu einem Abenteuer verabredet. Wir wollen von Deidesheim nach Neustadt an der Weinstraße laufen. Laufen heißt in unserem Fall nicht einfach nur Wandern, vielmehr sind wir beide leidenschaftliche Trail Runner. Trail Running ist eine Trendsportart, die es zwar schon immer gegeben hat, doch erst in den letzten Jahren so richtig zum Trend wurde. Der Sport verlangt vom Läufer viel ab: Ausdauer, Kraft und Konzentration.

Am Bahnhof starre ich auf die Anzeige. Um kurz vor sieben fährt der ICE in Richtung Mannheim ab. Ausgestattet mit einem großen Koffer, der bis zur Hälfte mit Laufequipment vollgestopft ist und einem großen Rucksack, steige ich ein. In Mannheim habe ich sieben Minuten Umsteigezeit. Endlich in Neustadt angekommen, begrüße ich meinen Freund, mit dem ich die Leidenschaft fürs Trail Running teile. Er ist bereit, sofort loszulaufen: Shorts, Shirt, Laufschuhe mit Grip und ein kompakter Rucksack mit Trinksystem - mehr brauchen wir nicht. Nach 10 weiteren Minuten Zugfahrt erreichen wir Deidesheim - ein romantisches Weinörtchen, das sich gerade auf ein Fest vorbereitet. Überall sehen wir Stände und Zelte der ortsansässigen Winzer. Wir sind allerdings nicht zum Feiern hier. Wir wollen laufen.

Trotz der gut erkennbaren Wegmarkierungen finden wir den Einstieg in die Etappe von
Deidesheim nach Neustadt nicht sofort. Durch enge Gassen, an mehreren
Sehenswürdigkeiten vorbei, stehen wir plötzlich wieder vor dem Rathaus - unserem Ausgangspunkt. Kopfschüttelnd versuchen wir es ein zweites Mal und gelangen schließlich in den Weinberg und von dort aus in den Wald. Die Pfade sind schmal, die Aufstiege lang, jedoch nicht allzu kompliziert, so lassen wir die ersten Kilometer rasch hinter uns. Es ist wunderbar still, nur vereinzelt begegnen uns ein paar Wanderer. Wir können uns ganz dem Rhythmus unseres Atems hingeben. Gemeinsam, und doch jeder für sich, genießen wir die ersten Augenblicke.

Nach einer halben Stunde, wir müssen kurz anhalten, merken wir, wie warm und feucht die Luft tatsächlich ist. Haben wir beim Start noch von den tollen Bedingungen geschwärmt, wischen wir uns nun den Schweiß aus den Augen. Mein Freund spritzt sich Wasser in den Nacken. Ein paar Schlucke Wasser aus dem Trinkschlauch, dann geht es weiter.

An einer Abzweigung gibt es eine kleine Meinungsverschiedenheit. Ich will auf dem Pfad bleiben, er will die Treppe in den Ort nehmen, um mehr Höhenmeter zu sammeln, wie er sagt. Lange dauert unsere Diskussion nicht. Gemeinsam irren wir durch den kleinen Ort, wo sich Wohngebiete und landwirtschaftliche Gebäude abwechseln. Jeder Zentimeter Asphalt entlockt mir ein Stöhnen. Meine Schuhe sind einfach nicht dafür gemacht. Ihnen fehlt die Dämpfung. Nach endlosen Minuten finden wir den Einstieg in den Berg wieder. Es geht einen schmalen, steinigen Pfad hinauf. In Erwartung, es gleich geschafft zu haben, ziehen wir das Tempo etwas an. Wir lachen und feuern uns gegenseitig an. Von einer Sekunde auf die Andere vergeht uns der Spaß: Ächzend und stöhnend quälen wir uns eine Treppe mit ganz unterschiedlichen, von der Witterung geformten, Stufen hinauf. Zwischendurch sauge ich ein paar Schluck Wasser aus meinem Trinksystem und tue alles, um den Schmerz in den Oberschenkeln zu ignorieren. Oben angekommen bleiben wir staunend stehen und genießen die endlose Weite. In der Ferne machen wir die Silhouetten von Mannheim, Heidelberg und dem Schwarzwald aus.

Schritt für Schritt, die Wege sind mittlerweile anspruchsvoller geworden, streben wir dem nächsten Aussichtspunkt - einer Wetterstation - entgegen. Wir stolpern mehr als dass wir laufen. Wir sind erschöpft und haben Hunger. Trotzdem lachen wir, machen Scherze über unsere eigene Tollpatschigkeit. Oben angekommen gebe ich mich einen Moment meiner Schwäche hin, lehne mich an die Außenwand des Aussichtsturmes - darin befindet sich die Wetterstation - und schließe meine Augen. Die Aussicht ist spektakulär: Der Pfälzer Wald erstreckt sich bis an den Horizont. Dazwischen gibt es einzelne Dörfer, die aussehen, als hätte ein Riese mit Bauklötzchen gespielt. Verträumt beiße ich von einem Nussriegel ab, kaue darauf herum und lasse meine Gedanken schweifen.

Die letzten Kilometer sind die Schönsten, aber auch die Anstrengendsten. Wir hüpfen über gewaltige Felsbrocken, entdecken eine Burg, die uns an Dornrösschen erinnert und kämpfen gegen die Erschöpfung an. 20 Kilometer mit mehr als 600 Höhenmetern in anspruchsvollem Gelände sind eben eine Herausforderung. Mit letzter Kraft erreichen wir den Marktplatz von Neustadt. Im Schatten der Kirche machen wir es uns bei traumhaftem Sonnenschein in einem Café bequem. Wir sind erschöpft, aber vor allem glücklich. Trail Running, darin sind wir uns einig, ist die schönste Sportart der Welt. Am Bahnhof verabschiede ich mich von meinem Freund. Kaum habe ich mich hingesetzt und die Augen geschlossen, bin ich eingeschlafen und träume von neuen Abenteuern.