Kultur

Indien erobert europäische Herzen

Der Raum ist reich geschmückt: bunte Fähnchen, schimmernde Vorhänge und kleine Lichter. Es riecht nach Gewürzen. Inmitten dieses gewaltigen Raumes tanzen viele farbenfroh gekleidete, schöne Frauen. Die pure Lebensfreude ist spürbar. Der Blick fällt auf eine atemberaubende Frau mit langen schwarzen Haaren und vollen Lippen. Ihr rot-glitzernder Sari bewegt sich zum Rhythmus ihres lebhaften und sinnlichen Tanzes. Da erklingt eine melodische männliche Stimme. Und da steht er: Der starke Held. Er singt von der Liebe, von Irrungen und Wirrungen, die ihn von seiner Liebsten trennen und von dem Wunsch immer mit ihr zusammen zu sein.

Das ist der indische Film. Oder zumindest das westliche Bild, das viele Menschen in Europa haben.

Der Preisträgerfilm "Chippa" begeistert die Jury des indischen Filmfestivals. Quelle: Hans-Peter Jahn, Pressesprecher Filmbüro Baden-Württemberg

Die Bedeutung des indischen Films für Europa

Wer vom 17. Juli bis zum 21. Juli 2019 das 16. Indische Filmfestival in Stuttgart besucht hat, weiß, indischer Film ist mehr: „Ich bin jedes Mal begeistert von der ungeheuren Vielfalt an Filmen, die in den Kinos laufen.“ Andreas Lapp, Honorarkonsul der Republik Indien für Baden-Württemberg und Rheinland- Pfalz und Hauptsponsor des indischen Filmfestes, drückt im Interview mit Hans-Peter Jahn, dem Pressesprecher des Filmbüros BW, seine Faszination für die indische Filmwelt aus.
Die große Bandbreite des indischen Films spiegeln die fast 50 Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme, die dieses Jahr auf dem Festival präsentiert wurden, wider: Vom Dokumentarfilm „About Love“, der sich mit Beziehungen innerhalb einer Familie auseinandersetzt, über den Kurzfilm „Nooreh“, der die Geschichte eines Mädchens im indisch-pakistanischen Kampfgebiet erzählt, bis hin zum Roadmovie „Chippa“, in dem ein Junge, einen Übersetzer für den Brief seines Vaters sucht. Alle drei Filme sind nun Träger des German Star of India.
Die indische Filmwelt biete viel mehr als Bollywood, meint auch Lapp.

Und genau an diesem Punkt liegt ein häufiges Missverständnis: Nicht jeder indische Film ist eine Bollywoodproduktion. Indien hat mit über 3000 Filmen im Jahr die produktionsstärkste Filmindustrie der Welt. Die regionale Filmproduktion – der tamilische Film oder die Telugu Filmproduktion- haben hierzu auch ihren Beitrag geleistet.
Hindi-filme, die in Mumbai produziert wurden, sind Bollywoodfilme. Der Begriff setzt sich aus dem früheren Namen der Stadt Mumbai, Bombay und Hollywood zusammen. Bei vielen Filmschaffenden provoziert dies Kritik, da sie zu einem ständigen Vergleich mit Hollywood führt.
Der Grund warum der indische Film im Westen häufig noch belächelt wird, liegt laut  
der Professorin Jyotika Virdi von der University of Windsor auch an der vorherrschenden Fokussierung Europas auf Hollywood.

Doch hier sollte sich nach Lapp einiges ändern. Indien ist die größte Demokratie der Welt und ein sehr wichtiger Handelspartner Deutschlands. Immer mehr Inder leben und studieren in Deutschland. Aus diesem Grund ist es bedeutsam den Kulturaustausch zwischen den beiden Ländern zu fördern. Die Städtepartnerschaft zwischen Stuttgart und Mumbai ist dafür ein gutes Beispiel.
Das Angebot indischer Filme auf Streamingdiensten wie Netflix und Amazon Prime erleichtert den Zugriff auf indische Kultur in Deutschland. Auch der Fernsehsender Zee.One, der seit 2016 rundum die Uhr indische Filme ausstrahlt, zeigt, dass sich Nachfrage nach indischen Filmen verändert.  
Der indische Film bietet mit seiner Kunst zur Unterhaltung, aber auch dem Mut gesellschaftliche Strukturen zu hinterfragen, einen abwechslungsreichen Filmabend. Es lohnt sich also einen Blick in die andere Richtung, abseits von Hollywood, zu werfen.