Kultur

Generation Netflix: Die Debatte um "Tote Mädchen lügen nicht"

Die Netflix-Eigenproduktion, die 2017 erstmals ausgestrahlt wurde, sorgte von Beginn an für Gesprächsstoff. Neben begeisterten Zuschauern sorgen problematische Szenen, besorgniserregende Themen und vor Allem deren potentielle Auswirkungen für Aufsehen.

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Zuerst wirkt die Story rund um Hannah Baker und ihren Schulfreund Clay wie ein typisches Teenager-Drama: der Schauplatz eine High-School voller Footballer und Cheerleader, eine klassische Gegenüberstellung von cool und uncool, Heranwachsende, die in ihrer Jugend mit alltäglichen Problemen zu kämpfen haben.
Wendung nimmt die Geschichte, als dem Zuschauer klar wird, dass die Protagonistin Hannah nach bereits begangenem Selbstmord nicht mehr unter ihren Mitschülern und Mitschülerinnen an der Liberty High School weilt. Eine Aneinanderreihung von Rückblicken, traurigen, unterhaltsamen und schockierenden Augenblicken und Vorfällen beginnt.
„Tote Mädchen lügen nicht“ thematisiert unzählige Problemfelder mit denen primär junge Menschen oftmals zu kämpfen haben: Mobbing, Depressionen, Gewaltfantasien und Essstörungen, aber auch ernstzunehmende Krankheiten und sexuelle Übergriffe spielen eine Rolle.

Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Serie meldeten sich Kritiker zu Wort, die auf die Gefahr hinwiesen, dass sich Jugendliche von den Charakteren, die leicht als Vorbild für junge Menschen dienen, beeinflussen lassen oder sich ein Beispiel an ihnen nehmen könnten. In den USA sterben laut Spiegel Online aktuell mehr Jugendliche durch Suizid als durch Gewalttaten.
In den Monaten nach der Erstausstrahlung von „Tote Mädchen lügen nicht“ (Originaltitel: „13 Reasons Why“) nahmen Selbstmordversuche in den USA stark zu, insbesondere Jungen seien betroffen, wie Studien, die unter anderem von ForscherInnen der „Ohio State University State of Medicine“ durchgeführt wurden, bestätigten. Auch die Internetsuche zum Thema Suizid sei nach der Veröffentlichung um 19 Prozent gestiegen, wie die Fachzeitschrift „Journal of the American Academy of Child and Adolescent Psychiatry“ berichtet.

Phänomene wie diese werden in der Soziologie und Medienwirkungsforschung als „Werther-Effekt“ bezeichnet. Dieser bezieht sich auf die Zeit nach Erscheinen von Goethes Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“, den sich viele junge Männer als Vorbild für ihren Suizid nahmen.
Von Anfang an rieten Institute wie die „Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“, besonders labilen Menschen vom Konsum der dreizehn Folgen der ersten Staffel ab. Obwohl trotz Studien ein deutlicher Zusammenhang zwischen „Tote Mädchen lügen nicht“ und den dramatischen Entwicklungen angenommen werden kann, kann dieser nicht mit Sicherheit bewiesen werden. Aktuell änderte Netflix trotz dieser Tatsache die Serie im Nachhinein und beschränkt sich nun nicht mehr ausschließlich auf Warnhinweise und Angebote für Betroffene nach jeder Folge.

Kurz vor Veröffentlichung der dritten Staffel entschied der Streamingdienst im Juli 2019, die Szene, in der der unzensierte Selbstmord der Protagonistin Hannah zu sehen ist, nachträglich zu entfernen. „Jegliches Risiko für besonders schutzbedürftige Zuschauer soll minimiert werden“, so Serienschöpfer Brian Yorkey.
Der Ausblick auf die im August erscheinende dritte Staffel zeigt, wie die Handlung sich vom Thema Suizid wegbewegt und nun den Mord an einem Mitschüler behandelt. Auch hier wird ein schockierendes Thema mit sicherlich ebenso einprägsamen Szenen thematisiert. Trotzdem lässt die Vorschau erahnen, dass die Produzenten sich möglicherweise vom Selbstmord-Skandal um Hannah Baker und den dramatischen Geschehnissen ihrer Nachahmer distanzieren möchten.