Am 2. August 1913 begann mein Einsatz im Central Theater in Ludwigsburg – dem ersten großen Kino der Gegend. Meinen ersten Arbeitseinsatz – oder sollte ich Auftritt sagen? - hatte ich gleich in Anwesenheit von König Wilhelm II. von Württemberg. War ich aufgeregt, denn ich durfte gleich mehrere Kurzfilme vorführen!
Damals waren die Filme noch stumm und ein Orchester spielte live dazu. Welch überwältigendes Erlebnis, welch Klang, als die Geigen zu meinen Bildern tanzten!
1928 lernten meine Bilder plötzlich das Sprechen. Ich muss sagen, die klare, eindrucksvolle Musik eines Orchesters war mir eigentlich lieber, aber schnell bekam ich auch mit, was man mit den sprechenden Bildern alles anfangen konnte.
1941 wurden meine Bilder dann auch endlich bunt und ich war stolz, die Welt so zeigen zu können, wie sie aussieht.
Dann kam der zweite Weltkrieg und der Vorhang für die Öffentlichkeit fiel im Februar 1945 zum letzten Mal für eine ganze Weile. Vier Jahre lang zeigte ich nun amerikanische Filme für die amerikanischen Soldaten.
Nach dem Krieg dann, 1951 bekam ich Unterstützung durch das Union Theater und vier Jahre später erschien mein Bild in neuem Glanz: die erste Cinemascope-Aufführung fand statt, ein neues Breitbildformat.
1968 wurde das Gebäude in der Arsenalstraße, in der sich auch unser Kinohaus befindet, abgerissen und ein neuer Bürokomplex gebaut. Zu meiner Freude entstand so ein weiterer Kinosaal, das "Kleines Haus" im 2. Untergeschoss.
Sieben Jahre danach wurde der erste Film mit dem Tonverfahren „Sensurround” gezeigt. Dabei wurden besonders tiefe Töne als Soundeffekt wiedergegeben und ihre Schwingungen als Vibrationen wahrgenommen, um zum Beispiel Explosionen oder Erschütterungen stärker und realistischer wahrzunehmen. Dabei hob es mich beinah aus meiner Rolle!
1979 wurde zeitgleich zum Start von "Star Trek" ein weiterer Kinosaal eröffnet und erhielt gleich ein neues Soundsystem, nämlich den "Dolby-A Stereo-Ton". In den leisen Szenen war nun kein Brandrauschen mehr zu hören.
Ich durfte auch miterleben, wie im Union-Theater bald aus einem riesigen Saal mit 600 Plätzen zwei kleinere Kinosäle wurden. Somit gab es im Central- und Unionkino justamentfünf verschiedene Säle, in denen ich meine Bilder zeigen durfte.
1989 wurde dann noch ein 4-Kanal Stereo-Tonsystem eingebaut. Die Tonsignale, oder anders: die Geräusche, die meine Bilder erzeugen, wie zum Beispiel ein fliegender Komet, werden von nun an von den seitlich angebrachten Lautsprechern von vorne nach hintenverzögert weitergegeben, sodass der Flug des Kometen noch realistischer wirkt. Ich musstezugeben: Nun klang das Kino fast noch besser, als damals mit Orchester.
Am 28. Februar 2013 fand dann die erste digitale Vorführung im Central Theater mit "Les Miserables" und kurze Zeit später auch die erste digitale Vorführung im Union-Theater statt. Ab jetzt waren alle Leinwände digitalisiert und ich durfte nach ziemlich genau 100 Jahren meinen wohlverdienten Ruhestand antreten. Das heißt fast! Denn bei einer Führung hinter die Kulissen meines Hauses kann man mich immer noch bewundern und allerlei Fragen zu mir stellen.