Kultur & Gesellschaft

12 Jahre Stuttgarter Nachtleben

Eine Laudatio an die Orte die es nicht mehr gibt

Es ist Winter 2014, die Luft ist kalt und klar. Eine Mischung aus Vorfreude und Nervosität begleitet uns durch ein stilles Wohngebiet, vorbei an dunklen Fenstern, bis sich die Straßen plötzlich öffnen. Vor uns liegt eine große Freifläche. Und dann hören wir diesen dumpfen Bass, der sich durch die Nacht schiebt und Lichter, die in den Himmel ragen und im Nebel verschwinden.

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Dann plötzlich stehen wir am Eingang. In meinen leicht zittrigen Händen halte ich ein einlaminiertes Stück Papier. Der Ausweis meiner großen Schwester. Ich bin 17. Eigentlich dürfte ich hier gar nicht sein. Für einen kurzen Moment halte ich den Atem an, als ich nach vorne trete. Ein Blick. Ein Zögern. Dann ein Nicken. Dank der Ähnlichkeit zu meiner Schwester werde ich durchgewunken.

Und auf einmal sind wir mittendrin.

Vor uns ragt ein riesiges Holzschiff auf. Ein surrealer Koloss, irgendwo zwischen Kunstinstallation und Abenteuerspielplatz. Ein paar Schritte weiter ein Bauwagen, der im Takt der Musik wackelt. Menschen überall, lachend, tanzend, verloren im Moment. Und schließlich ein Zirkuszelt, in dem wir die Nacht durchtanzen.

Heute, zwölf Jahre später, sprechen wir immer noch über diesen Abend. Alle Freund*innen, die damals dabei waren, erinnern sich, als wäre diese Nacht konserviert.

Damals wusste ich es noch nicht, aber diese Nacht bei den Contain´t in Bad Cannstatt, der Moment, als ich mit dem Ausweis meiner Schwester auf dieses Gelände getreten bin, war mein Eintritt in das Stuttgarter Nachtleben. In eine Welt, die sich nach Freiheit anfühlt. Und in eine Subkultur, die mich bis heute nicht mehr losgelassen hat.

Es folgten Orte, die mehr waren als nur Locations. Das Zollamt wurde schnell zu so einem Ort. Einer, an dem wir ankamen, wenn die Nacht gerade erst begann und gingen, wenn draußen schon wieder der Morgen wartete. Im Keller Klub, im Zwölfzehn und in der Rockfabrik Ludwigsburg haben wir regelmäßig die Zeit irgendwo zwischen verschwitzten Körpern und Moshpit vergessen. Das Universum schenkte uns Konzerte, die sich eingebrannt haben. Abende, die mit einem ersten Ton begannen und mit heiseren Stimmen endeten. Unvergesslich, weil sie sich nicht wiederholen ließen. Und dann war da noch das Dresden. Ein Ort, der sich weniger wie ein Club anfühlte, sondern mehr wie eine viel zu große WG-Party. Das Icecafe Adria war nur kurz Teil der Szene, aber der Hammerhai, der jetzt im Kap hängt, erinnert immer noch an die schönen Momente dort zurück. Mit der Container City kam ein ganz eigenes Kapitel dazu. Mittendrin die Neue Oper. Ein Ort, der nach der Stille von Corona wieder alles zusammengebracht hat. Als hätten alle gleichzeitig gespürt, wie sehr das gefehlt hat. Und der NORDIY, dessen Nächte nie einfach nur Partys waren, sondern eher ein kollektiver Ausnahmezustand. Bei den Waggons geriet die Musik oft in den Hintergrund und wir verloren uns in tiefen Gesprächen am Lagerfeuer. Aber auch hier gab es diese Nächte, diese Konzerte, dieses Gefühl von „genau richtig“.

All diese Orte sind geblieben. Nicht unbedingt als Gebäude, meist nur als Erinnerung. Aber vor allem als Gefühl. Ein Geflecht aus Momenten, Menschen und Musik, das sich bis heute durchzieht.

Wenn Räume verschwinden, entsteht etwas Neues

Das Clubsterben in Stuttgart ist schon lange kein Geheimnis mehr. Orte schließen, Freiräume verschwinden und mit ihnen auch ein Stück kulturelle Identität. Doch anstatt diese Entwicklung einfach hinzunehmen, reagiert eine neue Generation darauf. Nicht mit Resignation, sondern mit Eigeninitiative. Immer mehr junge Menschen organisieren sich selbst, gründen Kollektive und schaffen ihre eigenen Räume. Es sind genau diese Zusammenschlüsse, die das Nachtleben heute prägen und weitertragen.

Wer diese Subkultur unterstützen will, muss nicht weit suchen. Ein erster Schritt ist es, den Kollektiven über Social Media zu folgen* und ihre Veranstaltungen zu besuchen. Viele dieser Projekte leben von Beteiligung. Oft werden Helfer*innen gesucht, für Einlass, Bar oder Awareness-Schichten. Denn die meisten dieser Veranstaltungen entstehen ohne finanzielle Förderung. Jede Veranstaltung ist ein finanzielles Risiko. Und dennoch gibt es meistens ein solidarisches Preismodell. Häufig ist es ein gestaffeltes System zwischen 5 und 15 Euro, das es auch Studierenden oder Menschen mit weniger Einkommen ermöglicht, Teil davon zu sein.

Bei den Veranstaltungen geht es längst nicht mehr nur ums Feiern. Viele der Kollektive legen großen Wert auf durchdachte Awareness-Konzepte. Es geht um sichere Räume, um gegenseitigen Respekt und darum, dass sich möglichst alle frei bewegen können.

Und dann ist da noch der Protest, der seit drei Jahren Teil dieser Bewegung geworden ist. Die Tanzdemo, die dieses Jahr zum dritten Mal stattfindet, bringt genau diese Forderungen auf die Straße. Den Schutz von Kultur- und Freiräumen, einen besseren Zugang zu Fördermitteln und vor allem geeignete Flächen für Open-Air-Veranstaltungen.

Vielleicht ist das die eigentliche Veränderung. Dass Subkultur nicht mehr nur an feste Orte gebunden ist, sondern an Menschen, die sie gestalten, verteidigen und immer wieder neu erfinden.

 

*Info: Kollektive aus Stuttgart findet ihr auf Tanzdemo-Stuttgart.de