Ich schaue hinaus, sehe die Frau an der Garderobe, die mir vor einer Minute noch die Kopfhörer gegeben hat und mich kurz eingewiesen hat. Ich bin nervös und lasse meine Beine vom Barhocker baumeln, richte den Kopfhörer und schließe die Augen. Eine Stimme dringt aus den Kopfhörern an mein Ohr und fordert mich auf aufzustehen und mich vor die Treppe zu stellen. Die Stimme erklärt mir, was in den nächsten eineinhalb Stunden auf mich zukommen wird und bereitet mich mit ihren Worten auf das Theater vor. Sie erzählt, dass ab jetzt meine Augen zu einer Art Kamera werden und diese alles aufnehmen. Meine Wahrnehmung beginnt sich zu verändern. Ich werde aufgefordert, die Treppe hochzugehen und den grünen Markierungen zu folgen. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen – jetzt geht es los!
Das ging vielleicht etwas zu schnell. Spulen wir also nochmal kurz zurück: Ich befinde mich im Schauspielhaus in Stuttgart und bin kurz davor ein außergewöhnliches Theaterstück zu erfahren. Auf der Webseite „Schauspiel Stuttgart“ steht diese Produktionunter dem Titel „Black Box Phantomtheater für eine Person“. Ungewöhnlich, ein Stück für eine Person, wie läuft das ab? Die erste Aufführung des Tages beginnt um 19 Uhr, die letzte um 21 Uhr. Dabei startet alle fünf Minuten eine neue Vorstellung für eine andere Person.An der Garderobe werden einem Jacke und Tasche abgenommen und im Austausch dazu Kopfhörer überreicht. Diese werden gleich eine große Rolle spielen, denn sie erschaffen die Magie der Produktion. Durch sie beginnt das Stück und das Theaterhaus zu leben.
Sylvana Krappatsch, die Stimme aus dem Off. Ihre Stimme begleitet einen während der gesamten Führung durchs Theater. Denn genau das steckt hinter dem Phantomtheater: ein Audio-Walk durch das Theaterhaus.
Spulen wir wieder nach vorne: ich befinde mich mittlerweile auf der obersten Treppenstufe und direkt vor einer Tür mit einer der grünen Markierungen. Die Stimme fordert mich auf, die schwere Tür aufzustoßen: Ich stehe in einem der sonst für Zuschauer*innen verborgenen Räume des Theaters.
Sylvana Krappatsch erzählt die Geschichte des Hauses. Sie erklärt mir Abläufe im Theater und fordert mich auf Dinge auszuprobieren. Dabei bin ich die ganze Zeit allein, aber eben auch nicht wirklich. Auf dem Weg durch das Haus treffen wir weitere Menschen, die im Theater arbeiten. Darunter befinden sich unter anderem eine Maskenbildnerin, ein Ton- und Lichttechniker und Ensemblemitglieder. Und das nur durch die Magie, die der Kopfhörer auslöst.
Das Stück ist technisch hervorragend und hat einen perfekten Raumklang. Die Kopfhörer sowie die abgestimmten Zeitschaltuhren, die bestimmte Dinge in Bewegung setzen oder das Licht steuern, erschaffen eine Illusion des Nicht-Alleinseins. Ich begegne in den eineinhalb Stunden des interaktiven Audio-Walks auch anderen Menschen mit den gleichen Kopfhörern, ich sehe sie auf der Bühne, begegne ihnen im großen Treppenhaus oder sehe sie im Zuschauerraum, während ich auf der Bühne stehe. Wirklich allein ist hier niemand. In den kleinen Momenten des gemeinsamen Erlebens entsteht eine Verbundenheit, die noch lange nachwirkt. Die Produktion versetzt mich, für kurze Zeit, in eine andere Welt. Auch nachdem ich die Kopfhörer wieder abgegeben habe und zurück in der Realität angekommen bin, hallt die Erfahrung, die ich hier erleben durfte, noch lange in mir nach.
Eine außergewöhnliche Produktion, die die Vielfalt des Theaters widerspiegelt und zeigt, was Theater alles kann. Das Stück verzaubert, regt zum Nachdenken an, spricht alle Sinne an und lässt einen selbst Theater hautnah in all seinen Vorgängen erleben.
Weitere Informationen gibt es hier.