Kultur & Gesellschaft

Designfarbe mit Nebenwirkungen: Die Risiken des Merle-Hypes beim Trendhund Dackel

Die heimlichen Stars des Internets: perfekt inszenierte Tigerdackel, die mit ihrer außergewöhnlichen Fellfärbung und ihren funkelnden blauen Augen alle Blicke auf sich ziehen. Aber hinter der ästhetischen Fassade, die den einen oder anderen Like garantiert, tickt eine genetische Zeitbombe.

Symbolische Darstellung des Merle-Musters

Was Käufer meist nicht wissen oder ignorieren: diese Schädigung ist kein harmloses Designmerkmal, sondern das Ergebnis eines Gendefekts, der das Wohlbefinden der Tiere massiv bedrohen kann!

Aber was genau steckt hinter diesem Gendefekt?

Hinter dem „Tiger-Look“ verbirgt sich eine genetische Mutation. Das Merle-Gen ist sozusagen ein kleiner Fehler im Bauplan des Hundes. In einer im August 2018 veröffentlichten Studie erklärten Sarah C. Murphy und Leigh Anne Clark: dieses Gen funktioniere wie ein biologischer „Dimmer“. Ein eingeschleuster DNA-Abschnitt sorge dafür, dass die normale Fellfarbe an manchen Stellen mal mehr und mal weniger aufgehellt wird. Jedoch sei das Gen extrem instabil und könne bei der Fortpflanzung spontan in der Länge verändert werden – ein großes Problem. Diese Instabilität macht die Zucht zum Glücksspiel.

Die unsichtbare Falle: der versteckte Tiger

Das Phänomen des „Hidden-Merle“ beschrieben Blake C. Ballif und Kolleg*innen in ihrer Untersuchung im Sommer 2021. Es erklärt: Die typische Scheckung bei Dackeln mit hellem oder auch rötlichem Fell kann ausbleiben. Somit sind die visuellen Gegebenheiten des Gens völlig verschwunden und Züchter*innen mögen glauben, dass sie einen „normalen“ Hund vor sich haben. Ohne Gentest ist es unmöglich herauszufinden, ob die Tiere tatsächlich Träger des Gens sind oder nicht. 

Das katastrophale Schicksal der „Double-Merles“

Das eigentliche Drama ereignet sich dann, wenn zwei Merle-Träger verpaart werden. Dies kann oft auch unwissentlich oder mit dem Fokus des finanziellen Profites geschehen. Wenn zwei Merle-Träger verpaart werden, ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass mindestens ein Gen an den Wurf weitervererbt wird. So auch die visuellen Merkmale. Dadurch scheint die Verpaarung für Züchter*innen, deren Fokus auf der Erstellung eines Designobjekts und somit auch dem garantierten Profit liegt, profitabler.

Problematisch wird es aber dann, wenn die Welpen das Gen von beiden Elternteilen vererbt bekommen. Hunde, die dadurch zu „Double-Merle“ werden, haben schwere körperliche Defekte. „Double Merle“-Hunde leiden häufig unter Taubheit und massiven Fehlbildungen der Augen. Das Streben nach einer exklusiven Optik ohne wissenschaftliche Absicherung kann indirekt zur Qualzucht führen.

Verantwortung am anderen Ende der Leine

Es wäre jedoch falsch, alle Züchter*innen unter Generalverdacht zu stellen. Wissenschaftliche und präzise Gentests sind mittlerweile kostengünstig verfügbar und eine wichtige Absicherung, um das Wohlbefinden des Tieres garantieren zu können. Ein Weg um sich als Käufer abzusichern, ist meist über Rassehunde-Verbände wie den VDH in Deutschland möglich. Die Verantwortung sich weitestgehend zu informieren, liegt jedoch immer bei der Person, die einen Hund vom Züchter kaufen will.

Doch wir als potenzielle Hundebesitzer*innen müssen uns eine grundlegende Frage stellen: Muss es das Designobjekt vom Züchter sein, während unzählige Hunde sehnsüchtig auf eine zweite Chance warten?

Ein Hund aus dem Tierschutz ist vielleicht kein „Trend-Hund“ mit perfekt symmetrischen Flecken, aber er ist ein liebenswertes Lebewesen, das bereits auf der Welt ist und ein Zuhause sucht. Wer sich dafür entscheidet, einem Hund ein sicheres Zuhause anzubieten und sich gegen den Kauf eines „Designerhundes“ entscheidet, entzieht der dubiosen Vermehrung von Qualzuchten die Grundlage.

Wahre Tierliebe zeigt sich nicht im Sammeln von Likes, sondern darin, die Gesundheit des Tieres über den eigenen Stolz zu stellen. Ein Hund sollte die Welt sehen und hören können und nicht für unsere Schönheitsideale in Dunkelheit und Stille leben!