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Pinsel, Pixel, Publikum: Wie Kunst-Streams auf Twitch eine neue Szene formen

Twitch ist eine Live-Streaming Plattform, welche sich in den letzten Jahren von einer Nischenplattform für Gaming-Streams zu einem globalen Zentrum für Live-Unterhaltung entwickelt hat.

So sieht die Twitch "Creative" Kategorie aus. Screenshot von Twitch gemacht von Fio Speer

Millionen von Nutzer*innen verfolgen dort täglich, wie Creator Videospiele spielen, Musik machen, mit ihrer Community chatten oder Live-Events übertragen. Der besondere Reiz liegt in der unmittelbaren Interaktion: Über Chat, Emotes und Kanalpunkte entsteht das Gefühl, direkt am Geschehen beteiligt zu sein. Twitch-Streams werden dabei in fünf Hauptkategorien eingeordnet. Die Kategorie “Creative” sticht zwischen den anderen Optionen jedoch stark heraus. Einerseits, weil es eben im Vergleich zu den anderen, vor allem Gaming-fokussierten, Kategorien, nicht wirklich zu passen scheint und andererseits, weil die Streams dieser Kategorie sehr viel weniger Viewer haben als alle anderen.

Die Kategorie „Creative“ wurde als erste Nicht-gaming spezifische Kategorie auf der Plattform im Jahre 2015 eingeführt und mit einem neuntägigen Marathon von der Serie „The Joy of Painting“ von Bob Ross beworben. Ein Bob Ross Dauerstream existiert bis heute noch und ist in der ganzen Rubrik der Stream mit den meisten aktiven Zuschauenden. In der Kategorie “Creative” gibt es auch noch einige Untergruppen, welche von Malen und Zeichnen über Spieleentwicklung bis hin zu Kochen reichen. Dadurch wird also klar: Der Kreativitätsbegriff wird somit auf Twitch sehr weit gefasst.

Trotz dieser Menge an Optionen gibt es nur wenige Streams, die unter diese Kategorie fallen und jeder Stream hat nur wenige Zuschauer*innen. Aber warum ist das so? Auf den ersten Blick wirkt diese Rubrik doch wie eine Chance für Viele. Zum einen für Kreierende, welche eine Plattform bekommen, um ihre Kunst zu präsentieren. Im Vergleich zu anderen Plattformen, bei denen immer mehr Wert daraufgelegt wird, den Content so kurz wie möglich zu halten, bleibt bei Twitch der Platz um den Prozess, der in einem Kunstwerk steckt, vollständig darzustellen. Zusätzlich ist Twitch eine sehr niedrigschwellige Plattform für Kreierende: Alles, was man benötigt, ist eine Kamera oder sogar nur ein Handy, ein Mikrofon und im besten Fall noch einen PC oder Laptop, aber auch da kann man ein Tablet oder Handy verwenden. Im Vergleich zu zum Beispiel YouTube oder anderen Soziale Medien, wo es oftmals nötig wird Videos und Fotos im Nachhinein noch zu bearbeiten und zu schneiden, mit Musik zu hinterlegen oder zu synchronisieren, ist Twitch mit deutlich weniger Zeitaufwand außerhalb der Streams verbunden.

Zum anderen kann es eben auch (jungen) Zuschauenden als Inspiration und Motivation dienen, selbst kreativ zu werden, da es deutlich realitätsnaher den Kunstprozess zeigt. Soziale Netzwerke zeigen häufig nur perfekte Ergebnisse und können daher in jungen Menschen, die das sehen, eine Art Perfektionismus oder Angst vor Fehlern auslösen. Live-Streams können dieses vermeintlich perfekte Bild entzerren und dazu führen, dass sich mehr Menschen trauen, etwas selbst zu gestalten oder zu kreieren. Es kann aber auch bei Kreierenden die nötige Motivation schaffen, um nach einem langen Tag noch künstlerisch aktiv zu werden. Twitch allgemein legt viel Wert auf die direkte Interaktion zwischen streamenden Personen und zuschauenden Personen. Somit regt es auch zum Austausch über die Kunst an und schafft einen sicheren und meistens moderierten Raum, sich über Kunst und Kreativität zu unterhalten und sich gegenseitig Tipps und Tricks zu zeigen.

Der große Durchbruch für die Kunst auf Twitch bleibt aber bisher noch aus. Twitch ist vor allem für Gaming-Content bekannt und war schließlich auch ursprünglich als Plattform für Gaming und E-Sports veröffentlicht worden. Die Kategorie “IRL” (in Real life) hatte es dabei deutlich leichter. Diese beinhaltet auch die Untergruppe “Just chatting”, welche das Format “Reaction-Streams” beinhaltet. Reaction-Streams sind sehr schnell sehr populär geworden, weil viele bereits von anderen Plattformen bekannte Menschen (wie YouTuber) auf Twitch ausgewichen sind, aufgrund der stark geförderten Interaktion mit Zuschauenden. So invasieren Twitch Streams auch die YouTube Landschaft, da viele Menschen, die auf Twitch streamen, im Nachhinein Zusammenschnitte ihrer Streams auf YouTube hochladen.

Twitch zeigt deutlich, dass es Ambitionen gibt, um die Plattform auf mehr als nur Gaming-Content auszulegen, auch wenn dies eben nicht sonderlich einfach ist. Auch andere Kategorien haben ihre Zeit gebraucht, bis es zum Durchbruch kam und der gesamten Plattform ging es da nicht anders. Streams in der Kategorie Creative und die Communities darum zeigen große Leidenschaftlichkeit und sind offensichtlich bemüht, stetig weiter zu wachsen und aufzublühen. Vermutlich wird die Zeit dieser Kategorie genauso irgendwann gekommen sein wie die der anderen Kategorien. Vielleicht ist auch der ein oder andere Stream für euch dabei oder ihr könnt euch selbst vorstellen, mal eure kreativen Prozesse mit der Welt zu teilen.