Tach und Hallöle: Multikulti in der WG

Meike Hipp, Hanna Koltes

Das WG-Leben ist nicht immer einfach. Wenn dann auch noch unterschiedliche Dialekte aufeinandertreffen, sind lustige Missverständnisse vorprogrammiert. Was passiert, wenn sich Schwaben und Nicht-Schwaben in der WG begegnen?

Nach einem langen PH-Tag stehen wir hungrig vor der Haustür. Meine Mitbewohnerin sucht irgendwo in der Tiefe ihres Rucksacks den Hausschlüssel. Die Hände mal wieder viel zu voll, hält sie mir die zweite Tasche vor die Nase: „Heb‘ mal kurz!“

Verwirrt gucke ich die Tasche an. Wohin soll ich sie denn heben? Hier gibt es nichts, wo etwas hinaufgehoben werden könnte. Wohin also damit? Um nicht weiter ratlos in der Gegend rumzustehen, nehme ich ihr die Tasche aus der Hand. Mit einem Schmunzeln fragt sie mich: „Du hast das mal wieder nicht verstanden, oder?“ Blitzschnell erinnere ich mich an etliche Geschehnisse der letzten Jahre. Das war nicht das erste Mal, dass ich etwas nicht sofort verstanden habe.

Denn ursprünglich komme ich aus Trier. Seit August lebe ich aber nun zusammen mit zwei Schwäbinnen in einer WG in Stuttgart. Sechs Stufen führen hinauf zur Haustür, hinter der unser gemeinsames Zuhause liegt. Wir stellen unsere Taschen in der Küche ab. Eigentlich ist unser Leben hier ganz normal: ein Putzplan versucht die Sauberkeit zu regeln, wir treffen uns in der Küche, um zu kochen und zu quatschen – der ganz normale WG-Alltag eben.

Und fast täglich bin ich hierbei dazu angehalten, innerlich das ein oder andere Wort zu übersetzen. Nehmen wir beispielsweise den Begriff „heben“: Für mich bedeutet „heben“ einen Gegenstand nach oben zu bewegen. Deshalb halte ich eine Tasche fest und hebe sie nicht. Erst recht nicht kurz.

Ansonsten bestätigt unsere WG nicht das Klischee des ständig putzenden Schwaben. Brauchen wir aber auch nicht: unsere Vermieterin übernimmt die Kehrwoche für uns gleich mit. Täglich fegt sie mit dem Kehrwisch die sechs Stufen zu unserer Haustür, während wir fleißig schaffen.

Oftmals treffen wir uns abends um viertel sieben in der Küche. Ich gehe meistens einfach dem Lärm nach, die Zeitangaben verstehe ich immer noch nicht. Auch beim Kochen finden wir immer wieder ein neues Gericht, von dem ich noch nicht gehört habe. Ob es Maultaschen, Ofenschlupfer, Schupfnudeln oder Kässpätzle sind – lecker ist es immer. Auch an Weihnachten beim gemeinsamen Gutsle-Backen oder an Fasching beim Fasnetsküchle-Essen: Das angehängte -le darf im Ländle nirgendwo fehlen. Im Ausgleich dazu bringe ich auch mal eines von meinen regionalen Rezepten ein. Vielleicht erobern die Wasserspatzen, eine Art zu groß geratene Spätzle, ja doch noch das Schwabenland.

Wir haben uns bei den Einführungstagen an der PH getroffen. Dass nicht alle Studierende gleich sprechen, ist uns bereits dort aufgefallen. Schließlich treffen an der PH Welten aufeinander: Stuttgarter, Ludwigsburger, Schwaben aus allen Ecken Württembergs, Badener und andere Nicht-Schwaben. Und alle sprechen ein bisschen anders.

Das trifft auch auf mich zu: auch ich spreche kein spitzenmäßiges Hochdeutsch und belustige damit oft meine Mitmenschen. Als ich meiner Mitbewohnerin erzählt habe, dass man bei uns Gewicht abholt und nicht abnimmt, hat sie auch ziemlich schräg geguckt. In meinem Dialekt gibt es nämlich kein Wort für nehmen. Auch lustig sind unsere Diskussionen über das Dahinsein. Ich war dann an einem Ort, sie wäre tot.

Und wie uns Freunde berichten gibt es auch aus anderen WGs immer wieder lustige Geschichten zu erzählen: Da klaut der Schwabe dem Badener seine Flagge. Die Hamburgerin trinkt ihren Wein gerne mit Brause anstelle von süßem Sprudel. Und der Schwabe wickelt sich in seinen Teppich, wenn ihm kalt ist.

Für unsere WG jedenfalls haben wir beschlossen, uns die Unterschiede und Eigenheiten noch einmal genauer anzuschauen. Demnächst werden wir unsere Koffer packen und uns auf den Weg ins alte Zuhause machen: Von Stuttgart aus geht es nach Tübingen, Dachtel und Pluwig im Hunsrück. Mal sehen, welche neuen Wörter wir bei unserer Reise kennenlernen werden.