Campusleben

Wenn die Badewanne zum Ausschlusskriterium wird

Stuttgart 10 Uhr: Meine zwei Mitbewohner und ich warten auf Carsten. Carsten hat schon zweimal abgesagt, aber heute kommt er ganz bestimmt- sagte er jedenfalls. Doch wer ist Carsten? Und wieso warten wir auf ihn?

Aufgrund meines Studiums bin ich nach Stuttgart gezogen. Dort wohne ich in einer WG mit zwei Mitbewohnern. Leider muss einer von beiden Stuttgart wieder verlassen, da sich sein Praktikum dem Ende neigt. Aus diesem Grund waren wir auf der Suche nach einem neuen Mitbewohner.

In den Medien tauchen viele Berichte darüber auf, dass in Stuttgart eine Wohnungsnot bestehen würde, besonders bei Studenten. Die Stuttgarter Zeitung berichtete im Oktober 2017 unteranderem über eine Frau, die sich nur von Zwischenmiete zu Zwischenmiete hangelt und nichts Langfristiges finden würde. Auch ich musste selbst lange nach einem Zimmer suchen. Mir hing die Suche langsam schon zum Hals raus und ich verlor jegliche Hoffnung, da ich nie Rückmeldungen erhalten hatte. Nach gefühlten 100 Anfragen, meldete sich meine jetzige WG- und ich hatte Glück! Ich fand sie sympathisch und sie mich- Jackpot!

Aufgrund meiner Erfahrungen waren die Erwartungen meinerseits natürlich groß, als wir das Angebot auf verschiedenen Webseiten inserierten. Die Suche nach dem neuen, hoffentlich ordentlichen, kaffeetrinkenden und feierfreudigen Mitbewohner gestaltete sich jedoch tatsächlich schwieriger als ich dachte. Wir erhielten viel weniger Anfragen als erwartet.

Aus diesem Grund entschieden wir uns dazu, selbst Personen anzuschreiben, die ein Gesuch im Internet aufgegeben hatten. Wir kontaktierten viele unterschiedliche Personen. Allerdings bekamen wir kaum Rückmeldung und wenn, dann sagten uns viele ab. Gründe für die Absagen waren: zu kleines Zimmer (13qm²), kein Balkon, befindet sich nicht in der Innenstadt oder das Fehlen einer Dusche (wir besitzen „nur“ eine Badewanne).

Diese Absagen oder die fehlenden Rückmeldungen geben mir ein wenig zu denken- besonders hinsichtlich der Wohnungsnot. Mir stellt sich die Frage: „Wie groß ist die Wohnungsnot tatsächlich, wenn, meiner Ansicht nach, banale Gründe gegen das Besichtigen sprechen? Sind heutzutage einfach die Ansprüche viel zu hoch? Wie dringend braucht jemand wirklich ein Zimmer, wenn das Fehlen einer Dusche schon zu einer Absage führt?“ Auch in einer Badewanne kann man problemlos duschen gehen.

Nichts desto trotz haben wir ein paar Kandidaten zum WG-Casting eingeladen - so auch Carsten. Carsten hatte sich schon zweimal angekündigt, sagte jedoch beide Male ab - womit wir kein Problem hatten. Nun wollte er aber kommen; Samstagvormittag um 10 Uhr morgens. Die Zeit vergeht, es ist schon 10:15 Uhr, dann 10:30 Uhr- keine Nachricht von Carsten. Auch auf Nachrichten und Anrufe unsererseits reagierte er nicht. Wieder stellt sich mir die Frage: „Wie groß ist seine Wohnungsnot, wenn er einfach nicht auftaucht? Wie dringend braucht er tatsächlich ein Zimmer?“ Selbst wenn er schon etwas anderes gefunden hätte, hätte er doch absagen können.  Wir waren genervt und enttäuscht. Für uns war klar: Carsten ist raus, falls er sich doch noch melden sollte.

Da das inserierte Angebot immer weiter auf den Webseiten nach hinten rückte und wir die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben hatten, inserierten wir neu. Nach wenigen Minuten hatten wir schon eine Nachricht- sie war von Carsten. Er schrieb, dass er das Zimmer gerne besichtigen und uns kennenlernen wollen würde. Dabei stellte ich mir nur eine Frage: „Was ist denn mit Carsten los?“