Campusleben

Tinte auf dem Papier, Tinte unter der Haut

Von Tätowierungen im Lehrberuf und - ist das nicht eigentlich egal?

Das Sirren der Tätowiermaschine, das Zurechtruckeln auf der Liege, das Warten auf den nächsten Stich. Und überall im Zimmer diese Kunstwerke. Der Tätowierer lässt die Nadeln kurz in der Tinte und fängt an, das sorgfältig gelegte Stencil nachzustechen. Der Schmerz beginnt. Gespannt beobachte ich, wie die Nadel mit jedem Stich etwas Tinte hinterlässt und so langsam das Bild zeichnet, das mir so viel bedeutet.
„Und was studierst du dann eigentlich?“, beginnt er den Smalltalk. „Auf Lehramt“, antworte ich knapp, immer noch gespannt beobachtend, was er da gerade hinzaubert. „Ach, das ist ja cool, da hat man mit Tattoos ja auch keine Probleme.“
„Naja“, denke ich und erinnere mich an die Seminarsitzung letztens. Freitagmorgens bei schon fast 30 Grad. Wartend auf den Dozenten fächerten wir uns gegenseitig Luft in die Gesichter. Als er dann in langen Hosen erschien, wurde das direkt thematisiert. „Was meint ihr denn, sollte man als Lehrperson nicht immer in langen Hosen zum Unterricht erscheinen?“, fragte er.
Und schon ging es los. Von „ordentlicher Kleidung“ und was das überhaupt sein sollte über Freizügigkeit im Berufsalltag, vor allem mit Kindern, zu Prints auf T-Shirts und Taschen. Und dann zu Kopftüchern und Kreuz-Ketten. Und schließlich zu Tattoos. Tattoos sollte man offen zeigen dürfen, aber eine politische Aussage dürfe nicht dahinterstehen, sagte eine. Woran man das festmachen solle, fragte eine andere. Und, dass man dann einfach direkt alles abdecken sollte.
Nach einigen impulsiven Argumentationen schritt der Dozent ein und verwies auf die Hausordnung der jeweiligen Schule.  „Da muss man eben nachlesen, was da steht. Und daran hat man sich zu halten. Wenn die Oberschulrätin kommt und sagt, dass das nicht geht, dann geht das nicht.“
Ja, denke ich. Aber auch nein. Klar muss man sich an Regeln halten und klar müssen wir genau das den Schüler*innen vorleben. Aber während für uns der Lehrberuf ein Beruf ist, ist die Schule für die Schüler*innen für eine lange Zeit der Alltag. Liegt es da nicht an uns, ihnen Diversität vorzuleben? Ihnen zu zeigen, dass jeder so sein, aber auch jeder so aussehen kann wie er das eben mag? Natürlich kommt es da auf das Motiv an. Dass eine leicht bekleidete Frau mit Hörnern nicht dieselbe Diskussionsbasis wie eine Schildkröte liefert, ist wohl klar. Und trotzdem sehen die Kinder im Alltag ständig Tattoos. Während sie im Privaten zur Schau getragen werden oder einfach normal sind, sollen wir sie also verstecken? Was vermitteln wir denn damit? Ist das nicht irgendwie kontraproduktiv?

Von Meerjungfrauen auf Seemännerarmen
Sind wir mittlerweile nicht weiter als zu denken, Tätowierungen hätten nur Verbrecher? Auch wenn „retro Handpoke“, handgestochene Tattoos die nach alter Tradition gestochen werden, mittlerweile wieder IN sind, gelten andere Standards. Tattoos sind nicht mehr wegzudenken, man sieht sie überall. Es gibt sie in jeder Stilrichtung, an jeder Stelle und in jeder Preisklasse.
Dabei fällt mir der eine Freund ein, der in einer Bankfiliale arbeitet, bis zum Hals tätowiert ist, immer zugeknöpfte Hemden trägt und doch sieht man ab und zu etwas Farbe durchschimmern. Und mir kommt ein anderer Freund in den Sinn, der sich nicht sicher ist, ob ein Tattoo seine Karriere beeinflussen würde. Dabei hätte er so gerne eins. Ich denke auch an meinen Arbeitskollegen mit den mittlerweile blassgrauen, schiefen Buchstaben auf dem Unterarm. Erinnerungen an falsche Entscheidungen, die im Gefängnis endeten. Dann noch meine Freundin, die letztens meinte, sie wird sich niemals vollkommen fühlen, bis sie so tätowiert ist, wie sie sich das schon immer vorgestellt hat. Weil die Tätowierungen eben zu ihr gehören.

„Mach doch was du willst“
Und ich denke an meinen Chef, der obgleich der eigentlichen Abdeck-Pflicht irgendwann meinte: „Es ist doch nur eine Schildkröte.“
Und dann sind da noch die vielen Komplimente, die ich sowohl von den Kunden im Job, als auch von den Schüler*innen in den Praktika bekommen habe. Ähnlich wie damals, als ich mitten im Praktikum mit bunten Haaren zur Schule kam. Während die Schüler*innen Fragen nach der genauen Farbe stellten und nicht aufhörten Komplimente zu machen, sagten mir manche Kollegen offen, dass das ihrer Meinung nach nicht ginge, da man so den Respekt der Schüler*innen verliere. Im gleichen Atemzug bezeichneten sie das Haare färben, besonders mit ungewöhnlichen Farben als kindisch. Oder sie hörten einfach auf, mich auf dem Gang zu begrüßen.
Zuletzt bin ich mit meinen Gedanken abgeschweift. Wieder im Hier und Jetzt angekommen antworte ich dem Tätowierer „Nein, so einfach ist das leider nicht.“ „Wieso nicht? Ist doch total egal.“, murmelt er. Ich nicke.