Campusleben

Mitbewohner gesucht - Zwischen Free Climbing und Deep Sea Diving

Egal ob dich das Studium in eine neue Stadt verschlägt oder du endlich aus Hotel Mama auscheckst, bei der Suche nach einem neuen Zuhause kommt meist nur eins in Frage: eine Wohngemeinschaft. Doch bei der Suche nach einer neuen Bleibe wird einem die problematische Wohnungssituation in Deutschlands Studentenstädten erst einmal bewusst.

Das Wirtschaftsmagazin WirtschaftsWoche fand heraus, dass die Landeshauptstadt Stuttgart im Jahr 2017 rund 51.000 Studierende fasste und zu einer der teuersten Studentenstädte Deutschlands gehört. Bei einer derartigen Anzahl an Studierenden ist es schwierig, sich von der Masse abzuheben – insbesondere, wenn es darum geht, sich in einem WG-Casting zu beweisen. Täglich werden unzählige Nachrichten auf der bekannten Internetseite WG-Gesucht verschickt, Inserate online gestellt und sich selbst oder das bereits bestehende WG-Leben gekonnt in Szene gesetzt.
Trendige Hobby-Free-Climber, die sich selbst als „gelassen“ und „total gechillt“ beschreiben würden, duellieren sich mit jungen, ordnungsbewussten und humorarmen BWL-Studierenden für überteuerte Wohnplätze auf engem Raum. Für eine Wohngemeinschaft, die die Prozedur des WG-Castings über meist mehrere Tage hinweg über sich ergehen lassen muss, ist es durchaus schwer, bei der vierten Nacherzählung des Auslandjahrs, das gefühlt jeder Abiturient in Neuseeland verbracht hat, interessiert zu wirken. Von bereits bestehenden Wohngemeinschaften wird geraten, sich so natürlich wie möglich zu präsentieren, ohne direkt als langweiliger Stubenhocker oder graue Maus abgestempelt zu werden. Beim Lesen des Inserates sollte daher darauf geachtet werden, was geboten und was gesucht wird. Passen die Anforderungen der WG zu den eigenen Einstellungen oder sind vielleicht die eigenen Vorstellungen und Wünsche an eine WG anders? Ratsam ist es auch, bereits die Nachricht an die WG kurz, knapp und interessant zu halten und idealerweise eine Mobilfunknummer zu verlinken, um die ohnehin mühsame Kommunikation zu erleichtern. Da die Nachfrage oftmals größer ist als das Angebot, ist es nicht ungewöhnlich, wenn Bewerber*innen keine digitale Rückmeldung der kontaktierten WG erhalten. Bis zu hundert Nachrichten pro Tag erreichen eine Wohngemeinschaft, die nach einem neuen Mitbewohner oder Mitbewohnerin suchen, daher unterliegt dieser Prozess den Prinzipien „Wer zuerst schreibt, kommt zuerst“ und „Keine Antwort ist auch eine Antwort“.
Falls deine Nachricht die Kriterien erfüllt, den Geschmack getroffen und die WG einstimmig entschieden hat, dich einzuladen, ist es Zeit für die zweite Runde. Für diese Phase des WG-Castings gibt es keine einheitliche Handreichung, da das persönliche Kennenlernen von Gruppen-Meetings über Wettkampfspiele, wie Abspülen auf Zeit oder ein Mülltrennungsquiz, bis hin zu gemütlichem Kaffeetrinken in der Küche reicht. Auch hier ist auf das persönliche Bauchgefühl zu hören. Wer in der Pause der WG-Casting-Olympiade seine Entscheidung hinterfragt, sollte sich lieber eine ruhigere WG anschauen. Wer viel Wert auf gemeinsame Weinabende und Kocheinheiten legt, wird sich in einer Zweckgemeinschaft sehr unwohl fühlen.
Als Hilfestellung für ein WG-Casting könnten zuvor einige Antworten auf Fragen zur eigenen Person zurechtgelegt werden, um den Druck zu senken und peinliche Gesprächslücken zu vermeiden. Übung macht noch lange keinen Meister, wenn die Chemie untereinander nicht stimmt.
Mein Geheimtipp: Mit Bier oder Wein im Gepäck wirkt jeder gleich sympathischer.