Campusleben

Hilfe, ich bin schon 30 und studiere immer noch

Kontroversen in einer Zeit zwischen Familie und Lehramtsstudium

„Das macht dann 4,70 Euro“, sagt die Frau an der Freibadkasse. „Aber ich bin doch noch Studentin“ entgegne ich ihr. „Das zählt bei uns nur bis zum Alter von 26 Jahren“.

„Achso“, denke ich mir, „weil ich schon über 26 bin, verdiene ich selbstverständlich mehr Geld.“ Mit diesem und vielen weiteren Beispielen werde ich täglich daran erinnert, dass ich immer noch studiere. Und das mit über 30 Jahren.

Probleme, Rebellion, Faulheit, Drogen, Party - Es gab ein Leben vor dem 30. Geburtstag. Da die Menschen dazu neigen, alles in Schubladen zu packen, kann sich kaum jemand vorstellen, dass es andere Gründe dafür gibt, dass wir noch studieren. Wenn dem so ist, dann sollte uns wenigstens eine auf der Lebenserfahrung beruhende Weisheit zugestanden werden, die vielleicht sogar im Kontext der Arbeit mit den Schüler*innen von Nöten wäre. Allerdings konfrontieren mich sowohl meine Dozenten*innen und Eltern, als auch meine Freunde, die Kommilitonen*innen und vor allem Versicherungen regelmäßig mit der Tatsache, dass es in meinem Alter nicht üblich ist, noch zu studieren. Dabei bilden wir, die über 29-Jährigen Studierenden, immer noch 8,4 Prozent der Bevölkerung (statista.de).
Dies zeigt sich unter anderem in der Tatsache, dass mein Krankenversicherungsbeitrag mit dem Beginn meines 30. Lebensjahres um über 100 Euro gestiegen ist. Der Verweis kam damals kurz nach meinem Geburtstag – als hätten sie darauf gewartet. Eine kurze Kulanz von einem Semester räumten sie mir dann doch ein, vermutlich, um mir die Zeit zu geben, für den gestiegenen Beitrag zu sparen, aber wie?

Ich bin mit 18 Jahren ausgezogen und habe damit das Hotel „Mama“ verlassen. Es ist ein anderes Leben, wenn du dich neben der Organisation deines Studiums auch noch um die Organisation eines eigenen Haushalts kümmern musst. Das bedeutet, dass ich neben meinem Studium immer gearbeitet habe. Natürlich nicht mehr als 20 Wochenstunden, denn sonst hätte meine Krankenversicherung mich nicht mehr als Studentin einstufen können. Witzig. Paradox. Das eine Mal bin ich keine Studentin, wenn ich (zuviel) arbeite, das andere Mal bin ich dann keine Studentin, weil ich nicht (genug) arbeite? Verwirrend.
Und nicht zuletzt erfülle ich aus soziologischer Sicht nicht einmal alle Aspekte, die einen erwachsenen Menschen auszeichnen, da ich noch nicht finanziell unabhängig bin. Im Gegenteil gehe ich sogar hoch verschuldet in mein Berufsleben. Das 30-Jährige, arme Kind. Doch es ist nicht nur der finanzielle Druck.

Ja, es hört sich lang an und meinen Wartesemestern nach zu urteilen, könnte ich bereits seit 5 Jahren Medizin studieren. Es ist durchaus vorstellbar, dass es Familienangehörige gibt, die dies befürwortet hätten. Da ist es dann egal, wie lange ich studiere, denn ich wäre ja Medizinerin. Und als Ärztin tickt meine biologische Uhr nicht? Oder wiegt der finanzielle Aspekt gegen den familiären auf? Denn auch mit der Tatsache, dass ich längst „überfällig“ bin, muss ich mich beschäftigen. Also heißt es, eine Entscheidung zu treffen. Möchte ich: Kinder bekommen, stillend im Hörsaal sitzen, dabei eine Hausarbeit verfassen und das Kind insofern erziehen, wie ich es parallel in den Erziehungswissenschaftsseminaren lerne? Am Abend die eigene Hochzeit planen, mit dem Partner über die Zukunft diskutieren, drei Artikel für die PH lesen und eine zweiseitige Ausarbeitung zu einem Thema anfertigen? Aber bitte währenddessen nicht zur Rabenmutter werden und vor allem nicht vergessen, Geld zu verdienen und den Haushalt zu schmeißen. Oder möchte ich eine von den Frauen werden, die aus der Liebe zu Kindern den Lehrberuf in seiner vollen Gänze nutzen, um sich selbst zu verwirklichen, da sie den Absprung zu einem Leben mit eigenen Kindern nicht geschafft haben? Zuzutrauen wäre es den ganzen, noch kinderlosen Mittdreißigerinnen. Denn laut der eigenen Eltern, der Krankenkassen und dem sozialen Umfeld sind wir alt genug, um das alles unter einen Hut zu bekommen. Vor allem das Lehramt ist ja geradezu prädestiniert für die Vereinigung von Arbeit und Familie. Also, wenn ich eventuell keine Mutter werden möchte, was ich bis jetzt eigentlich schon längst hätte wissen sollen, dann hätte ich logisch schlussfolgernd eine andere Laufbahn eingeschlagen.
Und zuletzt ist es auch noch die Scham, mit der ich leben muss. Wenn wir uns beispielsweise im Sportseminar dem Alter nach aufstellen sollen und ich jedes Mal die Älteste bin. Zudem die Kommilitonen*innen weitaus fitter und ehrgeiziger in den Seminaren erscheinen als ich. Oder sich Mitstudierende im Seminar tuschelnd über die neuesten Exzesse des vergangenen Wochenendes unterhalten und ich mich umdrehe und darum bitte leiser zu sein, weil ich gerne etwas verstehen wollen würde. Gerade in solchen Momenten komme ich mir unendlich alt vor. Die rollenden Augen der Kommilitonen*innen verraten mir, dass sie das auch denken.

Um mich herum geht alles voran. Soll heißen, dass der Großteil meiner Freunde*innen schon länger arbeitet. Die kleine Schwester bereits promoviert und die Wenigen, die noch studieren, sind dann schon verheiratet oder haben Kinder. Und dann gibt es nur noch Vereinzelte wie mich, die da sitzen und sich denken: „Bin ich nicht normal?“