Aylin Tschanadi

20.06.2013

Traurig sein - das höchste aller Gefühle, oder wer ist eigentlich Peter Bichsel?

 

Was hat das Traurigsein mit Räumen der Kindheit zu tun? Es ist sicher eines der Gefühle, die uns Menschen stark bewegen und uns vielleicht sogar für einen kurzen Moment innehalten lassen. Wir verbinden es beispielsweise mit verlorenen Gegenständen, geliebten Personen oder der Erinnerung an bestimmte Orte und Plätze. Einer, der sich besonders von diesem Gefühl bewegen und inspirieren lässt, konnte glücklicherweise im Rahmen einer Fachtagung an der PH Ludwigsburg für eine Lesung im Literaturarchiv Marbach/a.N. gewonnen werden.

Das Plakat zum Symposium

Der typische PH-Studierende konnte dieser Tage kaum über den Campus laufen, ohne über ein Plakat des dreitägigen Symposiums „Topographien der Kindheit“ zu stolpern. Ob auf dem Weg zur Bibliothek, an sämtlichen Eingangstüren der Gebäude oder in der Mensa, überall huschte ein Mädchen mit Luftballon an der Hand durchs Bild. Hinter diesem luftigen Logo verbarg sich der Hinweis zu einer Zusammenkunft von Expertinnen und Experten an der PH in Ludwigsburg, die sich maßgeblich mit Räumen der Kindheit vor allem auch in Literatur und Medien beschäftigten.

 

Nun, was ist spannend an Kindheits-Räumen? So zum Beispiel ganz persönliche Kindheitserinnerungen, die selbst Geschichten erzählen und zugleich Geschichten über Orte der Kindheit zum Vorschein bringen. Auch ein genauerer Blick auf literarische Texte, die die Welt von Kindern beschreiben, Erlebtes beispielsweise in Tagebüchern festhalten und meist eine große Fülle unterschiedlichster Orte und Räume beinhalten, kann außerordentlich lohnenswert sein. Zur topographischen Herangehensweise gehören auch Kindheitserinnerungen, kleine Anekdoten, kurze Gedanken oder witzige Geschichten. Ein Spezialist auf diesem Gebiet kam bei besagter Tagung dann für einen kleinen gemeinsamen literarischen Ausflug an ganz bestimmte Orte und Räume seiner Geschichten ins Literaturarchiv nach Marbach am Neckar.

Peter Bichsel und Christine Tresch; Foto: Katrin Schwemle

Wer ist dieser Peter Bichsel eigentlich? Kurzum einer, wenn nicht sogar der berühmteste Schriftsteller der Schweiz. Bichsel, 1935 in Luzern geboren, lebt heute im Kanton Solothurn und ist vor allem für seine Kurzgeschichten und Kolumnen in der Schweizer Illustrierten bekannt. „Ich bin ein überzeugter Pessimist!“, so Bichsel zu seinem Film „Zimmer 202 - Peter Bichsel in Paris“. Diese lebensphilosophische Haltung vertrat er durchaus auch während der Lesung in Marbach.


Doch aufgepasst! Wer sich von dieser etwas ungewöhnlichen Position abschrecken lässt, verpasst Großartiges. Denn Peter Bichsel ist ein unglaublich guter Geschichtenerzähler, der es geschickt wie kein Zweiter versteht, das Publikum in seinen Bann zu ziehen.Beispielsweise wenn er eine seiner „Kindergeschichten“ vom Onkel „Jodock“ erzählt. Wobei diese Geschichte sowohl gleichzeitig die Komik des verwirrten Großvaters, der einen ominösen Onkel Jodock zitiert, als auch die Traurigkeit von dessen Frau und die Hilflosigkeit der Familie vereint. Traurig sein, das ist für Peter Bichsel sowieso eines der wichtigsten Gefühle überhaupt. Aber wie sooft gilt auch hier: die Mischung macht‘s! Peter Bichsels Kurzgeschichten beinhalten ein wahres Wechselspiel von Witz, Charme und gedankenverlorenem Nachdenken über Orte der Kindheit; sie entfalten Räume für Wünsche und bieten nebenbei noch genügend Platz beispielsweise für recht eigenartige Begegnungen in russischen Zügen.  

Foto: Katrin Schwemle

Die gute Stunde im geschichtsträchtigen Literaturarchiv in Marbach wurde gefüllt mit heimlichen Schmunzlern, Staunen über die skurrilen Geschichten und Kapriolen des Autors, sowie kleinen Einblicken in einen äußerst klugen Kopf.
Da bleibt nur zu sagen: Vielen Dank dafür!