von HANZ

08.12.2009

Phoetry Slam: Schwitzen trotz Winter

 

„Und sie will Künstlerin sein!“ schmettert Hjördi Hornungh verächtlich ins Mikrofon. Wenn solche und andere Sätze auf der Bühne geschrien, geflüstert oder gehaucht werden, dann ist man höchstwahrscheinlich bei einem Poetry Slam.

Der „PHoetry sLam“ ist spätestens seit seiner Jubiläumsausgabe am 8. Dezember 2009 Kult! Zum zehnten Mal wird die Dichterschlacht, bei der jeder Schreibende teilnehmen kann, an der PH ausgetragen. Über 200 Zuschauer verwandeln das Literatur-Café in einen Hexenkessel – was sowohl die Stimmung als auch die Temperatur betrifft – aus dessen Mitte die Poeten auf die Bühne treten. Mit insgesamt 23 Auftrittswilligen ist die „Offene Liste“ so prall gefüllt wie nie zuvor und das Los muss darüber entscheiden, wer zu den zwölf Poeten gehört, die ihre Texte auf der Bühne performen dürfen


Während aus der Aula gut gekleidete Menschen strömen, die anlässlich der Zeugnisübergabe der Absolventen gekommen waren, füllt sich das Literatur-Café langsam mit Literaturhungrigen, die schnell alle Sitzplätze belegt haben. Doch der Zuschauerstrom reißt nicht ab. Sitzgelegenheiten aller Art werden herbeigeholt und reichen dennoch nicht aus. Dieses Treiben beobachten die erfahrenen Slammer Alexander Willrich und Hanz, die durch den Abend führen, mit großer Freude, denn sie wissen, dass bei einem Poetry Slam die Faustregel gilt: „Je enger das Publikum sitzt desto besser ist die Atmosphäre.“ Das sollte sich auch an diesem Abend bewahrheiten.


Nachdem die Studierenden, die die Aula besetzt halten, ihre Kamera im Literatur-Café installieren, um sich das Geschehen per live-Video-Stream ansehen zu können, treten die beiden MCs (Masters of Ceremony), die sich angewöhnt haben, immer im Anzug zu moderieren, auf die Bühne und eröffnen den Abend. „Poetry Slam ist ein Dichterwettstreit der neueren Generation, bei dem das Publikum die Jury ist“, sagen sie und führen anschließend gleich vor, wie ein solcher Beitrag aussehen könnte. Die beiden bilden das Slam-Team „Alex & HanZ – von A bis Z“ und präsentieren ihren gemeinsamen Text „Auf Mediatonsin“, ein Text über Jugendliche und deren Umgang mit dem Internet. Darin fallen im fiktiven Gespräch mit einem älteren Herren Sätze wie „wenn ich heute Lebensraumerweiterung haben will, dann kauf ich mir ne externe Festplatte“.


Bevor der Wettbewerb beginnt, nennen die Moderatoren noch die vier Grundregeln eines jeden Poetry Slams, nämlich dass die Texte selbstgeschrieben sein müssen, keinerlei Requisiten verwendet werden dürfen, es keine reinen Gesangsstücke sein sollten und man sich an das Zeitlimit von sieben Minuten halten muss.

Für all diejenigen, die sich zu Beginn des Abends auf die Offene Liste geschrieben hatten, wird es jetzt spannend, denn die „Poetenfee“ Sarah zieht aus einer Lostrommel die Poeten der ersten Vorrunde. In dieser Runde treten nacheinander sechs junge Menschen mit ihren selbstverfassten Texten auf und das gesamte Publikum wird im Anschluss per Applaus entscheiden, dass sie Fabian Friedl, ein Urgestein des PH eigenen Poetry Slams, noch einmal sehen wollen.

Nach der Pause, die alle nutzen, um sich abzukühlen und das Lit-Café durchzulüften, schreitet Sarah erneut zur Tat, um die Autoren der zweiten Vorrunde auszulosen. Diese Runde beherbergt gleich zwei Besonderheiten: Zum Einen tritt mit den Nachwuchsslammerinnen „Hjördi & Jana“ zum ersten Mal ein Team im Wettbewerb an und zum Anderen ist mit „Daréka“ erstmalig ein ausländischer Poet zu Gast, der seine Texte in seiner Muttersprache Französisch darbietet. Bei seiner Performance wird allen deutlich, welchen Sinn der in der Slamszene geläufige Satz „if you can’t understand the poem – feel it!“ hat. Sieger der zweiten Runde wird das Team „Hjördi & Jana“, die allerdings keinen weiteren gemeinsamen Text für das Finale vorbereitet hatten. Aus diesem Grund wird die Zweitplatzierte Jasmin Harrer vom Publikum ins Finale geklatscht. Mittlerweile kommt Hanz zur kurzen Anmoderation des nächsten Poeten schon ohne Sakko auf die Bühne, da die Temperatur unaufhörlich steigt. Temperatur und Stimmung sind vor dem finalen Stechen auf dem Höhepunkt.


Fabian Friedl erzählt im Finale auf selbstironische Weise von seiner Band und liest einen kurzen, sehr politischen Text, in dem er anprangert, dass sich die Mächtigen der Welt beim Kaffeeklatsch ein Tässchen „Konsensmilch“ einschenkten und alles sei wieder gut.


Jasmin berichtet in ihrer humoristischen Kurzgeschichte von ihrem Freund, der sich immer danebenbenimmt und ihr als Wiedergutmachung ein Käselaugenbrötchen mitbringt, das sie gar nicht mag. Diese Geschichte gereicht ihr zum Sieg und so wird erstmalig eine Frau Siegerin des PHoetry sLams.


Das ist besonders hervorzuheben, da bei regulären Poetry Slams, derer es allein in Deutschland über 100 monatlich stattfindende gibt, die Männer deutlich in der Überzahl sind. Das wird durch starke Workshop-Arbeit im U20-Bereich langsam relativiert, da es an vielen Schulen bereits Poetry Slam-Projekte gibt, die vor allem die Mädchen ansprechen und zum Schreiben animieren.


Beim 10. PH-Slam treten auffällig viele Frauen auf, was einerseits natürlich dem Lehramtsstudiengang verschuldet ist, den erfahrungsgemäß vorwiegend Frauen belegen, andererseits dem Seminar „Textwerkstatt“ von Michael Gans, dem Initiator des PHoetry sLams, zuzuschreiben ist, in dessen Verlauf Hanz einen Workshop zum Thema gab, aus dem der Bärenanteil der Poeten dieses Abends entsprungen ist. Hanz gibt regelmäßig Workshops an Schulen, veranstaltet und moderiert die monatlichen Slams in der Ludwigsburger Maxstrasse 1 sowie in der Eichstätter Orangerie und tritt bei Poetry Slams zwischen Kiel und Zürich auf. Er gibt seine Begeisterung weiter, die er für dieses Format entwickelt hat – für die angesagteste Literaturveranstaltung, die Deutschland derzeit zu bieten hat.


Wer einmal auf einem Poetry Slam war, besucht ihn immer wieder – irgendwann vielleicht sogar einmal auf der Bühne. Und wer so eine Veranstaltung noch nie miterlebt hat, sich aber angesprochen fühlt, kann sich auf den Internetportalen YouTube oder www.myslam.de darüber informieren, zum nächsten Poetry Slam in der Nähe gehen oder die „Internationale Textwerkstatt“ im Sommersemester 2010 besuchen, denn dort wird es wieder eine Poetry Slam-Einheit geben und vielleicht kann man dann irgendwann auch mal von sich behaupten, Künstlerin zu sein wie Hjördi und Jana.